Über den Dächern Hamburgs. 14. Stock, Berliner Tor 5, Blaues Haus. Draußen pfeift eisiger Wind, der die Fensterscheiben zittern lässt. Die Sicht auf die Hansestadt ist spektakulär von hier oben. Hier oben im warmen Konferenzraum, der den Mindmix-Redakteuren jetzt als Redaktionsraum dient. Dem Panorama schenken sie indes nur wenig Beachtung. Ein Ziel hat ihre uneingeschränkte Aufmerksamkeit. »In acht Stunden muss das Heft bei der Druckerei sein. Und in jedem Text finde ich mindestens drei grobe Fehler! Schaffen wir das alles überhaupt?« Dann entgleitet der Redakteurin noch ein Ausdruck, der mit »Sch« beginnt. Sie zweifelt. Ihr Gemütszustand belegt, wie ernst die Situation der jungen Redaktion ist - die Veröffentlichung des Magazins Mindmix in ernster Gefahr?
[Fotografie: Michael Lindner]
Es wäre das erste Mal seit vier Jahren, dass es nicht zu einer Veröffentlichung kommt. Erstmals publiziert wird Mindmix im Jahr 2004. Seiner Zeit kommt es an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW) zur Bildung einer gemeinsamen Fakultät dreier Fachbereiche. Schon der Name des Blattes verbirgt die drei Initialen dieser Fachbereiche: Design, Medien und Information - Mindmix, das Magazin für die Fakultät DMI.
Gegenüber der Hochschule agiert die Redaktion autonom. Mindmix ist unzensiert und journalistisch unabhängig. Themen und Tonalität des Heftes bestimmen die Studenten. Das Projekt ist Teil des Moduls »Medienkonzeption und -produktion«. Ein Angebot für Drittsemestler des Studiengangs Medien und Information. Federführend bei der Entwicklung dieses Angebots ist Prof. Dr. Wolfgang Swoboda. »Studenten sollen handhabbare Medien produzieren. Wichtig ist die Veröffentlichung des Mediums und die Arbeit im Team«, erklärt der Pro-Dekan die Intention des Projektes.
Oft wird Teamwork als die Kompetenz zitiert. Diese benötigt die Redaktion heute Abend ganz besonders, will sie die Deadline der Druckerei einhalten. Mittlerweile haben die Nachwuchs-Schreiberlinge den Konferenzraum in der 14. Etage des HAW-Gebäudes verlassen müssen. Gern hätten sie hier dem Heft den letzten Schliff verpasst. Doch dieser Wunsch kollidiert mit den Öffnungszeiten der Hochschule. Jetzt ist die kleine Wohnung eines Redakteurs zum Redaktionsraum umfunktioniert. An seinem antiken Holz-Sekretär hat die Art Direktion nun ihr »Büro«, auf seinem leicht ranzigen Teppich kauern redigierende Redakteure, die akribisch nach letzten Fehlern suchen. Noch fünf Stunden bis Druckbeginn. Zu den Studenten hat sich inzwischen ihre Dozentin gesellt. Nach einem kurzen Anruf der Redaktion, »Marion, wir haben da nur eine ganz kurze Frage«, hat sie spontan ihre Unterstützung angeboten. Es ist zwei Uhr. Morgens.
Die Dozentin ist Marion Frahm. Vor drei Jahren engagiert das Department Information die diplomierte Volkwirtin als Lehrbeauftragte für journalistische Fächer. Seit über einer Dekade ist Frahm publizistisch tätig. Und dies erfolgreich. Ihr Steckenpferd, die Reportage, prädestiniert sie zur Leitung eines Seminars, bei dem Studenten diese journalistische Disziplin erlernen sollen. Die zweite Aufgabe der Lehrbeauftragten ist die Betreuung des Magazins Mindmix. »Ich möchte, dass die Studenten von A-Z verantwortlich sind, nur so kann man das Blattmachen wirklich lernen. Soweit es geht, werde ich als Beraterin oder Moderatorin tätig«, interpretiert Frahm ihre Rolle. Die Studenten profitieren von dieser Arbeitsphilosophie. Bei den wöchentlichen Redaktionskonferenzen herrscht eine Diskussionskultur, die andere Seminare oft vermissen lassen. Die Dozentin greift ein, wenn es nötig ist und liefert dann wichtige Impulse. Frahm zeichnet im Sinne des Presserechts verantwortlich. Chefredakteurin ist sie nicht. Diesen Posten teilt sich bei dieser Ausgabe von Mindmix ein Dreiergespann. Einer der Chefredakteure ist Ole Masch. »Wir wollen diese Chance nutzen, ein Heft zu machen, das kritisch sein darf, ja sogar sein muss. Missstände an unserer Fakultät wollen wir aufzeigen - aber auch informieren und Denkanstöße verursachen«. Gute Vorsätze. Dazu muss das Heft jedoch erst mal gedruckt sein.
Szenenwechsel. Berliner Tor 5, großer Vorlesungssaal. Auf zwei Sesseln, in gemütlicher Wohnzimmer-Atmosphäre, sitzen zwei alte Männer. Der eine erinnert stark an Meister Eder (Pumuckl), bei dem anderen lässt sich die Ähnlichkeit zu Mr. Burns (The Simpsons) nicht leugnen. Vor ihnen: das Publikum. In ihren Händen: ein Heft. Offensichtlich konnten die Studenten ihren Termin bei der Druckerei kurz vor Redaktionsschluss noch einhalten. Das Auditorium ist hier, da heute alle Projekte des dritten Semesters präsentiert werden. So auch Ausgabe 5 des Magazins Mindmix, das den Titel »Bis was passiert« trägt.
Viel scheint inzwischen passiert zu sein. Zumindest bei Betrachtung der beiden schrumpeligen Mindmix-Redakteure, die da vorne vor der Tafel hocken. Sie scheinen während der Produktion von Mindmix schnell gealtert zu sein. Ob die redaktionelle Tätigkeit wirklich ihre Profession sein sollte? In Wahrheit ließen die Fähigkeiten der Maskenbildnerin Julia Christiani die beiden so ergrauen. Christiani hat normalerweise ein Engagement am Hamburger Schauspielhaus. Heute erweist sie der Redaktion mit ihrer Hilfe einen Freundschaftsdienst.
Die »Präsentation« des Magazins erinnert eher an eine Vorlesestunde. Verschiedene Artikel werden von den beiden »Senioren« abwechselnd rezitiert. Der dynamische Vortrag korrespondiert nicht mit ihrem knittrigen Aussehen. Weshalb sie sich die Aufmerksamkeit der Zuhörenden sichern. Das erste Interesse für das Magazin Mindmix ist also geweckt. Jetzt muss es nur noch gelesen werden.
Das ist wohl das Hauptanliegen jeder schreibenden Zunft. Doch wie dieses Ziel erreichen? Wer liest das überhaupt?
Der Bekanntheitsgrad von Mindmix ist naturgemäß groß am Department Information. Hier ist die studentische Redaktion beheimatet. Bei den anderen Fachbereichen Design und Medien ist das anders. Werden die Studenten dort nach ihrem Fakultätsmagazin gefragt, fallen Antworten eher mager aus. Viele wissen nicht, dass es Mindmix gibt. Andere »haben zwar davon schon gehört, gelesen jedoch nicht«. »Die Schwierigkeit besteht darin, alle von der Existenz des Hefts überhaupt in Kenntnis zu setzen. Im Nachhinein stellten wir fest, dass man hier die Information noch etwas breiter streuen müsste, als wir es getan haben«, sagt Chefredakteur Ole Masch. Konkret könne das beispielsweise bedeuten, den Erscheinungstermin des Blattes an exponierter Stelle der HAW-Internetseite groß anzukündigen. Oder auch verstärkt über den HAW-Mailer das Erscheinen von Mindmix zu kommunizieren.
Gute PR ist für ein Magazin wie Mindmix wichtig. Letztlich kommt es aber auf die Qualität des Mediums an. Diese wird der aktuellen Ausgabe 5 »Bis was passiert« bescheinigt. »Es ist die bisher beste Mindmix. Sowohl was den Inhalt, Optik und die Anzeigenakquise angeht«, bilanziert Marion Frahm. Ist dieses Urteil eine Bürde für die Mindmix-Redaktion, die sich zum kommenden Wintersemester neu konstituiert? Nein, denn: Die Studenten können von den Erfahrungen vorheriger Redaktionen lernen. Außerdem würde laut Frahm die Qualität des Heftes vom Engagement der Redaktion abhängen. »Es ist nicht zwingend notwendig, dass journalistisches Vorwissen da ist, dafür aber der Wunsch, sich dieses Wissen anzueignen.«
Ob das gelingt, wird die Ausgabe 6 von Mindmix zeigen. Sie erscheint zum Ende des kommenden Wintersemesters. Und wird dann an allen Departments der Fakultät DMI ausgelegt und verteilt.
[September 2008]

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