Mit der üblichen, aber noch höflichen Verspätung klingeln wir an einem ganz normalen Mietshaus, nicht weit vom Berliner Tor entfernt. Hier öffnet uns Aufnahme-Profi »Plön«, der info-parkour.de bei der professionellen Vertonung von Texten unterstützen wird. Das heißt konkret: Wir lesen die Artikel vor und er macht den Rest drum herum.
Nach einer Stunde gegenseitigem Kennenlernen bei Zigarette, Saft und Snack-Mix ging es los. Plön wechselte vom Sofa an seinen Arbeitsplatz, schaltete diverse Geräte ein und baute mit zwei senkrecht gestellten Matratzen ein kleines, den Raum abtrennendes Zelt: den ersten info-parkour-Aufnahmeraum. Wir wurden währenddessen zunehmend nervös, denn was für Plön ganz alltäglich ist, war für uns absolutes Neuland. Als ich die optimale Größe für mein Mikrofon einstellen sollte, war mein Puls bereits schneller als bei der morgendlichen Joggingrunde und ich hatte Sorge, dass meine schweißnassen Hände die Druckerfarbe auf dem Zettel verwischen könnten. Habe ich mich ausreichend vorbereitet? Ich war mir nicht mehr sicher, denn schließlich war es bestimmt schon über 36 Stunden her, dass ich den Artikel zuletzt meinem Spiegel laut vorgetragen hatte. Obwohl der Rahmen entspannter nicht hätte sein können, war ich plötzlich unglaublich aufgeregt. Die ersten Aufnahmen waren dann glücklicherweise nur Probeaufnahmen, um für jeden einzelnen Vorleser die richtigen Einstellungen festzulegen.
»UND ... JETZT«, sagte Plön und ich begann zu lesen. Den Text musste ich etwas unentspannt auf Augenhöhe hochhalten, um direkt ins Mikrofon sprechen zu können und nicht in meinen Schal zu nuscheln. Ich versuchte, beim Lesen möglichst auf weiteres Nachdenken zu verzichten und mich ausschließlich auf eine deutliche, langsame Aussprache zu konzentrieren. Plön und den anderen beiden hatte ich meinen Rücken zugekehrt und in dem abgedämpften Matratzenraum fühlte ich mich fast mit meinen Worten allein gelassen. Aber kein Blickkontakt konnte mich verwirren und auch die Vinylplattensammlung, auf die ich hinter meinem Mikrofon starrte, konnte mich nicht zum Lachen bringen. Während der Aufnahme mussten die anderen mucksmäuschenstill sein, Handys waren ausgeschaltet und so gab es glücklicherweise kaum Ablenkung.
Ich las weiter. Beim zweiten Absatz machte die Sache mir bereits schon Spaß und auch mein Ehrgeiz erwachte langsam. Ich wollte den Text schließlich nicht nur zu Ende bringen, nein, ich wollte es gut machen. Sehr gut lesen, wie damals zu Grundschulzeiten, als Lesen noch benotet wurde.
Doch dann kam ÄSTHETISIERT. »Ätesti...äh...ähetesti...« - Mist. Das wird bestenfalls noch eine 2-, dachte ich. Wie spricht man dieses verflixte Wort denn noch mal aus? Meine Kollegen sprachen mir »ästhetisiert« vor und Plön sagte nur: »Alles kein Problem, das schneiden wir später raus. Das merkt keiner, stress dich nicht.« Und so versuchte ich mich nicht zu stressen. Nach drei Wiederholungen hatte auch ich es dann geschafft. Als Muttersprachlerin. Beim Umblättern der Zettel musste ich immer eine kurze Lesepause einlegen, so dass man eventuelle Raschelgeräusche später einfach herausschneiden konnte. Und dann ging es plötzlich ganz schnell und ich nahm die letzten Zeilen des Artikels in Angriff. Und ... fertig.
Raus aus der Aufnahme-Höhle, entspannten sich auch gleich alle Muskeln in meinem Körper wieder und ich ließ mich direkt aufs Sofa fallen. Unvorsichtig durch diese Erleichterung habe ich dabei dann erst mal den gesamten Snack-Mix auf den Boden geworfen - peinlich, peinlich. Ansonsten musste einem hier aber eigentlich nichts peinlich sein. Ein falsch betonter Satz, ein Versprecher oder Huster wurde einfach mit einer kleinen Pause wiederholt. Kein Druck von niemandem. Es herrschte ein sehr entspanntes Arbeitsklima, das meiner Meinung nach auch zu guter Leistung verholfen hat. Denn man hört einer Stimme an, ob sie entspannt oder nervös ist. Und wenn später ein Besucher sich auf info-parkour.de einen Artikel vorlesen lassen will, so soll er sich ganz und gar auf den Inhalt einlassen können und nicht permanent darauf hingewiesen werden, wie unwohl sich der Vorleser wohl gefühlt haben muss.
Nach mir kam der Nächste mit einem anderen Artikel an die Reihe und ich schaute mich währenddessen noch mal im Zimmer um: mehrere flimmernde Bildschirme, Tastaturen, Boxen und Mikrofone - wie in einem normalen Studentenwohnzimmer sah es hier nicht aus. Nichts ist zufällig so eingerichtet, sondern alles dient irgendwie der Schaffung von perfekten Aufnahmearbeitsbedingungen. Das Regal mit den schmalen Vinyl-Platten dämpft besonders gut und auch die benoppten Schaumstoffplatten an den Wänden sind keine Abschlussarbeiten von kreativen Jungdesignern. Die zwei Matratzen stehen normalerweise an den Wänden (und sind keine Klappbetten, wie ich zuerst vermutet hatte) und dämpfen ebenfalls. Dank dieser perfekten Einrichtung kriegen auch die Nachbarn wenig von dem mit, was hier so passiert und nur selten kommt jemand und beschwert sich, dass der ein oder andere Bass bis zu ihm durchgedrungen ist.
Am frühen Abend hatten wir dann diverse info-parkour-Artikel vertont und Plön bezeichnete unsere Stimmen sogar noch schmeichelhaft als NDR-Info-reif. Von abwechselnder An- und Entspannung war ich am Ende richtig K.O., hatte aber auch gleichzeitig total Lust, einen weiteren Tag hier im Aufnahmestudio zu verbringen. Bis zur Veröffentlichung der Audios stehen nun noch einige Arbeitsschritte bevor, die der Aufnahmeprofi mit Hilfe von Sequencer-Programmen & Co. übernehmen wird.
Plön ist eigentlich gelernter Banker und hat sich in seiner Freizeit zum Musikjunkie entwickelt. Früher hat er selber Musik gemacht, jetzt hilft er anderen bei der professionellen Vertonung ihrer Stücke: Heavy Metal oder Deutsch-Rock-Bands, Rappern oder Schulklassen, die ein Hörspiel produzieren wollen. Sein Wohnzimmer = ein Aufnahmestudio. Und sein Hobby ist zu seinem Beruf geworden. »Es hängt eben davon ab, wie man es macht.«
[November 2008]

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