Was bist Du? Die Antwort fällt schwer? Dabei wäre es doch so einfach: Man ist sein Studiengang. Steckt in dieser Simplizität wirklich der Ursprung für Hochschulkultur?
In meinem Postfach, neulich: Ein Alumni entdeckt nach einer Schulung bei einem externen Unternehmen auf dessen Homepage Stellenausschreibungen, die für noch studierende und ehemalige Kommilitonen interessant klingen. Innerhalb weniger Stunden finden diese Ausschreibungen ihren Weg über die Personalabteilung und einen Professor sowie einen Hiwi zu den Studenten und Alumni - und damit zu potenziellen Bewerbern wie mir. Alles ohne Alumni-Netzwerk, Jobbörse oder Profilen bei Web-Communities. Wie funktioniert so etwas?
Zeitsprung: Es ist Oktober 2004, an einer Hochschule in Süddeutschland. Die Erstsemestler sitzen in einem Klassenraum, der in seiner Sterilität erst einmal wenig Wärme und Wohlbehagen vermittelt. Fachschaftsmitglieder stellen sich und die Hochschule vor, einer von ihnen zückt eine Digitalkamera, Zettel und Stift. Daraufhin gibt man Name und Anschrift preis, posiert für Portraitfotos und wundert sich ein wenig. Was zu diesem Zeitpunkt noch keiner ahnt: Dies war die Geburtsstunde ihrer neuen Identität. Von nun an waren sie Teil einer neuen, großen Familie: ihrem Studiengang. Ein Kontakt-PDF kommt wenige Tage später über den Studiengangsmailverteiler. Absender: der Studiengangsleiter.
Das schnöde Dokument ist weder witzig gestaltet noch werden darauf Grimassen geschnitten, aber der Nutzwert liegt schnell auf der Hand: der Name zum Konterfei, die Telefonnummer bei vergessenen Raumnummern, die Herkunft oder der aktuelle Wohnort als Gesprächsgrundlage - man lernt sich schlichtweg schneller kennen.
Wenige Wochen später trifft man sich auf einer Hütte im Schwarzwald und feiert mit Kommilitonen aus höheren Semestern. Man singt, lacht, macht Wanderungen, kocht gemeinsam und erfährt erste »Interna« - sowohl was die Hochschule als auch den Praxisalltag angeht. Hier finden die ersten ihren neuen studentischen Nebenjob in fachrelevanten Bereichen, noch bevor sie überhaupt einen Blick auf die fachbereichsintern verwaltete Job- und Praktikumsstellenbörse geworfen haben. Auch hier hat die Fachschaft mitorganisiert, die Erstsemestler sind begeistert, möchten im Folgejahr selbst ein Hüttenwochenende organisieren.
Wenige Wochen nach ihrer Immatrikulation sind die Neulinge bereits allesamt Mitglieder in einem Berufsverband, hören in Vorlesungen ihren als Dozenten tätigen ehemaligen Kommilitonen zu, machen sich gegenseitig zu Kollegen bei international agierenden Großkonzernen, kommunizieren über ihren Mailverteiler, diskutieren online in ihrem eigenen Forum, werden sukzessiv in die Tätigkeiten der Fachschaft integriert, tauschen Lernmaterialien mit Kommilitonen aus höheren Semestern aus und diskutieren mit ihnen über Fachthemen. Idealisiertes Wunschdenken? Nein. Realität an vielen deutschen Hochschulen.
Campuskultur! Aber wie?
Sich eine Hochschulkultur zu wünschen oder von ihr zu sprechen, wenn jene, die Teil von ihr werden sollen, nicht aktiviert und begeistert werden, nützt leider noch nicht viel. Dies betrifft sowohl Studenten als auch Professoren. »Hochschulkultur« funktioniert nicht Top-Down, sondern Bottom-Up.
Top-Down ist, vielzählige Learning Management Systeme, Foren und andere Technologien oder Plattformen zur Verfügung zu stellen, die schlussendlich aufgrund ihrer Komplexität oder schlichten Vielzahl nicht genutzt werden. Top-Down ist auch, in studentischen Magazinen, Alumni-Netzwerken und Online-Angeboten Stellenbörsen, Diskussionsplattformen oder Ähnliches einzurichten, um die es dann nach einem kurzen Aufschrei schnell wieder still wird - in Ermangelung von Nutzern.
Aber wo anfangen? An der Basis. Bottom-Up ist, mit wenigen, einfachen Mitteln ein Wir-Gefühl unter Kommilitonen und Professoren eines bestimmten Studiengangs oder einer Fakultät zu erzeugen und damit die so dringend als Fundament notwendige Geisteshaltung unter ihnen zu etablieren. Und Bottom-Up ist, von Beginn an, also bereits den Erstsemestlern eine positive, »Gemeinsam sind wir stärker«-Gesinnung zu vermitteln.
Die Jobaussichten mögen trüb sein. Nach dem Studium wird man sicherlich bis zu einem bestimmten Grad vom Kommilitonen zum Konkurrenten. Aber Networking ist schon jetzt eine der wichtigsten Arbeitsbeschaffungsmöglichkeiten. Gerade mit zunehmenden Bewerberzahlen und abnehmenden Stellenangeboten nimmt der Stellenwert von Networking zu.
Der Preis mag zunächst ein »gläserner Kommilitone« sein, der seine Daten an seine neuen Lebensabschnittsbegleiter weitergibt. Aber diese Transparenz ist die Basis jeglicher Tuchfühlung, Vertrauensbildung und eines Gemeinschaftsgefühls, das später in jahr- und studiengangsübergreifender Zusammenarbeit sowie Alumni-Netzwerken fruchtet.
Neben der Bereitstellung und Vermittlung von Kontaktdaten können FSR, die Professorenschaft oder andere Organisationseinheiten einer Hochschule als Initiatoren, Korrespondenten oder gute Vorbilder agieren und den Geist des Mit- statt Gegeneinanders propagieren. Nach ersten schönen Erlebnissen und handfesten Vorteilen kann Hochschulkultur zum Selbstläufer werden.
Nach mehrjährigem gemeinsamen Kampf öffnet man dann vielleicht noch einmal das Kontakt-PDF, entsinnt sich, wie man sich anfangs gegenseitig wahrnahm, welche eigenen Wünsche und Vorstellungen man vom Studium hatte, wie man aufeinander Einfluss nahm, gegenseitig den Werdegang mitgestaltete und was nun aus den anderen und einem selbst geworden ist. Und vielleicht hört man von einem interessanten Stellenangebot und schreibt daraufhin eine Mail an den Studiengangsleiter.
[Januar 2009]

5 Kommentare
An der HAW, speziell am Dep. Information, herrscht noch keine Hochschulkultur mit entsprechendem Gemeinschafts- und Identifikationsgefühl. Ich frage mich, woran das liegt. Liegt es an uns, den Studierenden, oder an den Professoren, an den Rahmenbedingungen oder an wem oder was? Wohl mindestens an allen Beteiligten oder nicht?
Auf Seiten der Professoren fehlt es wohl bei dem einen oder anderen an didaktischer Kompetenz und an der Fähigkeit zu begeistern und zu motivieren. Auch scheinen die Studiengänge, ohne klares Ziel ausgestattet, im freien Raum zu schweben. Aufeinander abgestimmte Absprachen der Studieninhalte unter den Professoren gibt es wohl auch eher selten. Also, wo will man eigentlich hin im Dep. Information? Ich frage mich auch, ob man nicht bereits überflüssig ist, mit dem, was da an zusammengewürfelten Inhalten als Studiengang angeboten wird?
Keine guten Voraussetzungen für eine lebendige Hochschulkultur mit entsprechendem Gemeinschafts- und Identifikationsgefühl.
Aber eine Ausrede für uns Studierende sollte das nicht sein, sich nicht zu organisieren und das Wort nicht zu ergreifen, sich nicht einzubringen, keine Vorschläge zu machen, sich nicht auszuprobieren (inkl. Fehler machen), sich nicht zu exmatrikulieren, keine Kritik zu üben, sich nicht zu streiten, nicht nach Lösungen zu streben, sich nicht mit dem Professor abzusprechen und gemeinsam Neues zu probieren ...
Es gibt ja beispielsweise Gremien, wie den Studienreformausschuss, um hier mal auf den Putz zu hauen. Also, ich meine natürlich sich für gute Ideen stark machen und darauf zu drängen, dass sich die Studiengänge attraktivieren und dass eine zeitgemäße Zieldefinition auf den Tisch gelegt wird. Aber dafür braucht man erst mal gute Ideen, für die man sich stark machen möchte. Die Ideen haben wir aber anscheinend nicht, so wie es aussieht.
Warum machen wir Studierenden hier am Dep. Information so wenig aus unseren Möglichkeiten? Warum sind wir so passiv wie wir sind? Liegt es am Zeitgeist? Liegt es an der Komplexität unserer Umwelt, die unser Dasein bestimmt? Sind die engen Zeitfenster, die uns für alle Aufgaben unseres Alltags geblieben sind, der Grund? Mangelt es uns an Fantasie, an Mut, an Eigenmotivation, Empathie, Erfahrung oder etwa an Verstand?
Vielleicht ein Mix aus allem, aber sicher bin ich mir nicht, zumal es ja anderswo anscheinend eine andere Hochschulkultur gibt, die aktiv gelebt wird und eine andere Atmosphäre erzeugt als die hier vorherrschende. Aber vielleicht hast du, der du diesen Kommentar gerade liest, einen weiterführenden Gedanken dazu. Ich würde mich freuen, andere Meinungen zum Thema zu erfahren.
T. Metec
Hier wird nämlich (fast) nur angesprochen, wie man nach dem Studium am besten verwertet wird oder sich selber verwertet. Beziehungsweise wie man anderen dabei hilft, sich und andere wirtschaftlich zu verwerten. Das alles auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtet wird, ist meiner Meinung nach eines der Grundprobleme.
Es wird doch nirgendwo mehr darüber nachgedacht (sollte vor dem Diskutieren stattfinden), was Bildung (keine Ausbildung, obwohl Ausbildung das Einzige ist, was es jemals an FHs gegeben hat) oder Lernen und Hochschule sein kann.
Oh klar, nach dem Studium will man natürlich einen Job haben. Aber davon, dass die oben angesprochenen Kulturen halt viel mehr sein können.
Das Bachelor und Masterstudium ist sowieso der endgültige Tod von allem, was es an Kultur an Campussen gegeben hat.
Man könnte noch so viel darüber schreiben. Aber wie immer fehlt einem die Zeit dazu.
Ich möchte einen kurzen Ausschnitt zitieren:
»[...] Wenn der Fokus zu schnell zu schmal zuläuft, habe ich A nicht mehr die Breite in dem, was mich auch noch interessieren könnte und B, und das stellen wir an unserem Beruf fest: Wir haben Volontäre neulich nicht genommen, obwohl die zu uns kommen wollten und obwohl das intelligente Leute, zum Teil, waren, die auch fähig waren in bestimmten Sachen, denen aber etwas ganz Elementares fehlte, nämlich eine gute politische und wirtschaftliche und gesellschaftliche Allgemeinbildung [...] Das könnte damit zusammenhängen, dass die Leute sich gleich im Studium schon nur mit den Inhalten ihres Studien- bzw. Berufsziels beschäftigen [...] Eine gewisse analytische Kompetenz fehlt, weil du einen allgemeineren Background, den man auch immer wieder aktualisiert, nicht mehr hast [...]«
Mein Gesprächspartner verglich das an der Universität vorherrschende studentische Selbstverständnis zu seiner Zeit des Studiums mit der, die er heute an den Hochschulen wahrnimmt. Er beschrieb die Universität als »Lebensmittelpunkt« zur damaligen Zeit. Heute, so seine Einschätzung, diene diese Institution offenbar nur noch als Mittel zum Zweck: einen Job zu finden.
Die Konsequenz, so wirkt es auf mich, ist die Erziehung zum Fachidiotentum. Und das Zitat macht zumindest als Fallbeispiel für die journalistische Branche deutlich: Besser findest du durch diese Strukturen auch keinen Job, im Gegenteil. Was abgesehen davon links und rechts liegen bleibt - Stichwort Campuskultur - ist genauso bedauerlich.
Wenn so erst einmal eine nette Atmosphäre im eigenen Semester herrscht, dann sollten die Neugier und die gemachten Erfahrungen einen dazu befähigen, auch den neuen Kommilitonen gegenüber - eben denen, die uns nicht durch das gleiche Startsemester zugeordnet sind - interessiert zu sein. Und dann kann man darauf hoffen, dass dieser Funke, dieses Interesse auf die Neuen überspringt. Wie es in den Wald hineinruft ... Im Übrigen ist eine Beschränkung auf neue Erstsemestler weder nötig noch von Vorteil. Wenn man im laufenden Studium feststellt, dass sich Themen überschneiden oder ergänzen, warum schaffen wir es dann nicht, Kommilitonen oder Professoren des jeweils anderen Studienganges (ja, wir sollten zudem an den Vorurteilen der BuIs gegen die MuIs und andersherum arbeiten, aber das ist wohl ein anderes Thema ...) - und ja, ich befinde mich noch auf Department-Ebene und denke in diesem Moment noch nicht einmal daran, gar einem der anderen beiden Departments unserer Fakultät den Vorschlag zur Zusammenarbeit zu unterbreiten - eine Kleinst-Kooperation vorzuschlagen. Wenn schon nicht klar zu sein scheint, wo der ein oder andere Lehrinhalt hinführen soll, dann aktivieren wir uns doch bitte - wenigstens im Kleinen - und gestalten mit. Dann liegt es auch an uns, wie weit wir über den Tellerrand unseres »Fachidiotentums« (wiederum Florian) blicken können. Ich gebe zu, dass ich der Hoffnung erlegen bin, dass, wer so einmal Blut geleckt hat, sich auch auf den jeweils höheren Ebenen tummeln will und wird. Das ist dann das »Up« in »Bottom-Up«. Auf dem Weg dahin lernt jeder, der sich beteiligt, im Übrigen mit Sicherheit fürs spätere Berufsleben - aber eben auch nicht nur dafür. Fürs Leben an sich bleibt auch noch etwas hängen. Und was die Zeit für eben solche Aktivierungen angeht - nun ja, Zeit ist immer knapp und zudem Geld. Aber wenn wir uns fragen, ob die ein oder andere Erfahrung überhaupt mit Geld aufzuwiegen wäre oder wann in unserem Leben wir sonst noch einmal die Chance bekommen, uns so leicht ausprobieren zu können, zählt vielleicht auch Zeitmangel nicht mehr als Argument.
Bleibt noch zu sagen: Sehr schöner Artikel, Herr Köpf. Besonders erfreulich auch, was er hier gerade in Gang setzt. Weiter so!
Dass zu einem ausfüllenden Leben auf dem Campus mehr gehört, als das vorhandene, ist den wenigsten klar - weil sie auch nichts anderes mehr gewöhnt sind.
Dann hört man, wie es an anderen Hochschulen gemacht wird und ist erstaunt - es gibt ja noch mehr als das, was ich kenne. Um nicht zum »Fachidioten« zu werden, müssen wir einfach mehr entdecken als das, was derzeitig geboten wird. Für mich muss diese »Bildungseinrichtung« ein Lebensraum sein - nicht bloß ein Gebäude.
Bestehendes muss genutzt werden, muss länger halten als eine kurze Spanne. Ideen, die einmal verwirklicht sind, dürfen nicht einschlafen. Ich wünsche mir, dass info-parkour.de über einen sehr langen Zeitraum bestehen wird - so kann auch Hochschulkultur gefördert werden. Allein, dass wir darüber reden und verschiedene Aspekte von etwas Wünschenswertem angesprochen werden, ist doch schon mal ein Schritt in die richtige Richtung.
Wo sind sie die Ideen - bitte treten sie vor und äußern sie sich.