Die Idee der Hochschulräte ist nicht neu. In Berlin gab es bereits so genannte Kuratorien, die die Steuerung der Hochschule durch Sachverstand von außen zu verbessern versuchten. Neu ist jedoch die enorme Machtfülle. Mit der Verabschiedung des Hochschulmodernisierungsgesetzes am 21. Mai 2003 in der Bürgerschaft war der Weg für die Gründung von Hochschulräten in Hamburg geebnet. Die Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) war die erste, die nach dem neuen Hamburger Hochschulgesetz dieses Gremium eingesetzt hat. Weit reichende Befugnisse, die traditionell zu den Kernkompetenzen des akademischen Hochschulsenats gehörten, zählen nun zum Aufgabenbereich des Hochschulrates.


Hochschule, entfessle dich!


Eine entscheidene Rolle bei der Einsetzung von Hochschulräten spielte das Centrum für Hochschulentwicklung, kurz CHE, der Bertelsmannstiftung. Frühzeitig forderte es im Zuge angestrebter Hochschulreformen ein solches Gremium. Als Leitbild des CHE dient die Idee der »entfesselten Hochschule«, die autonom, wissenschaftlich, profiliert, wirtschaftlich, international und neuen Medien gegenüber aufgeschlossen sein soll. Es ist nicht verwunderlich, dass der neue Vorsitzende des Centrums für Hochschulentwicklung der ehemalige Wissenschaftssenator Jörg Dräger ist. Dieser hatte in Hamburg Studiengebühren eingeführt und war maßgeblich an der Umsetzung von Hochschulräten beteiligt.

Häufig ist zu hören, dass Hochschulen wie Unternehmen geführt werden sollten und der Hochschulrat wie eine Art Aufsichtsrat agiert. Dass diese Entwicklung Kritik hervorruft, liegt auf der Hand. Kritiker sehen in der Arbeit des CHE eine neoliberale Umgestaltung von Hochschulen. Das CHE betreibe Lobbyarbeit in Medien, Politik und Gesellschaft, um die Akzeptanz von Studiengebühren und Eliteuniversitäten zu erhöhen. Dabei wird unter anderem ein Zusammenhang zwischen der Arbeit des CHE und dem steigenden Einfluss der Wirtschaft auf staatliche Bildungseinrichtungen hergestellt.


Neune beraten die HAW


An der HAW setzt sich der Hochschulrat aus neun Mitgliedern zusammen, von denen jeweils vier vom Hamburger Senat und vom Hochschulsenat bestimmt werden. Diese wählen dann das neunte Mitglied. Zurzeit ist der zweite Hochschulrat in der Geschichte der HAW im Amt. Mitglieder sind:

- Kathrin Adlkofer (Geschäftsführerin der Norgenta GmbH)
- Gabriele Beibst (Rektorin der Fachhochschule Jena)
- Gisela Erler (von der Firma PME Familienservice)
- Wolfgang Renz (Professor an der Fakultät Technik und Information)
- Prof. Bernd Sankol (von der Fakultät Technik und Informatik)
- Karl Dietrich Seikel (vormals Geschäftsführer der SPIEGEL-Verlagsgruppe)

Bereits im ersten Hochschulrat aktiv und im Dezember 2007 wiedergewählt sind die Präsidentin der Hochschule München, Marion Schick, sowie Jürgen Böhm, der Mitglied in der Geschäftsleitung der EDAG Engineering + Design AG ist.

Ebenfalls im ersten Hochschulrat tätig war Eckart Kottkamp (Mitglied der Aufsichtsräte der Hako-Werke, der Basler AG und der Lloyds Fonds AG). Er ist nun zum neuen Vorsitzenden des Hochschulrates gewählt worden. Diese Zusammensetzung bestätigt das Ergebnis einer Studie der Ruhruniversität Bochum, nach der die Mitglieder externer Hochschulräte mit jeweils einem Drittel aus der Wirtschaft und der Wissenschaft rekrutiert werden und rund ein Fünftel aus Politik, Verwaltung oder von Interessengruppen kommen. Ein Zehntel kommt aus sonstigen Bereichen des öffentlichen Lebens und nur drei Prozent sind gewerkschaftliche Mitglieder. Laut Hamburgischen Hochschulgesetz sollen Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft, Kultur und Politik gewählt werden. An der HAW stammen alle extern bestimmten Mitglieder aus der Wirtschaft. Die Kritik, Hochschulen könnten ausschließlich nach rein wirtschaftlichen Interessen umgestaltet werden, ist damit nicht ganz von der Hand zu weisen.


Spiegelbild der Wirtschaft


Anders als im Hochschulsenat, in dem alle Statusgruppen der Hochschule vertreten sind, ist die Mitbestimmung von Studenten im Hochschulrat nicht ausdrücklich vorgesehen. Sitzungen finden unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt. Die Tatsache, dass, anders als im Gesetz gefordert, der Hochschulrat nicht ein Spiegelbild der Gesellschaft an der Hochschule ist, sondern hauptsächlich der Wirtschaft, könnte der geforderten Autonomie der Hochschule entgegenwirken. Gerade in einer Hochschule, die entstaatlicht werden soll, bedarf es mehr Demokratie und mehr Transparenz in den Entscheidungen und vor allem den Entscheidungswegen. Sollte der Hochschulrat eine längere Zukunft haben, ist eine Beteiligung von allen gesellschaftlichen Gruppen notwendig.

Wie die Arbeit des Hochschulrates im Einzelnen aussehen wird, ist momentan schwer zu beurteilen. Der ehemalige Vorsitzende des Hochschulrates Wolf Schmidt nennt in einem Interview mit der Internetseite medienhandbuch.de die Wahl des Präsidenten Michael Stawicki. Außerdem habe eine weit reichende Zukunftsdebatte begonnen, in der nach besseren Lösungen für »die üblichen Themen von Studiengebühren bis Internationalisierung und Softskills« gesucht wird. Der ehemalige Vorsitzende der SPIEGEL-Verlagsgruppe, Karl Dietrich Seikel, nennt im Interview mit info-parkour.de ebenfalls die Entscheidungen über wichtige Personalien und das Herausarbeiten von Forschungsschwerpunkten. Was die Hauptaufgaben in der Zukunft jedoch sein werden und inwieweit sich der Hochschulrat in die Belange der Hochschule einschalten wird, hat auch er nicht abschließend beantwortet. Fakt ist, dass diesem neuen Gremium eine hohe Entscheidungskraft zugesichert wurde. Inwieweit davon gebrauch gemacht wird, wird sich erst in Zukunft zeigen.

[April 2008]