Aber beginnen wir zunächst hier bei uns in Deutschland. Vor zwei Semestern fand im Studiengang Medien und Information das Seminar »Zukunft der Tageszeitung« statt. In diesem Zusammenhang haben vier Studenten ein Interview mit dem Verlagsgeschäftsführer einer großen Hamburger Tageszeitung geführt (nein, keines der Boulevardblätter). Bezogen auf profitable Erlösmodelle und die zunehmende Nutzung von Online-Angeboten, sagte der Verlagsgeschäftsführer, dass im Printgeschäft seiner Zeitung das Verhältnis der Erlöse aus dem Verkauf gegenüber den Erlösen aus Anzeigen- bzw. Werbeeinnahmen 40 Prozent zu 60 Prozent sei. Des Weiteren sei für den Online-Auftritt der Zeitung geplant, zunehmend ein passendes Werbeumfeld mit Hilfe von redaktionellen Inhalten zu gestalten, um zukünftig auch online profitabel sein zu können. Daneben wolle man verschiedene kostenpflichtige Services integrieren, wie zum Beispiel ein Ticketcenter.

In dem Gespräch wurde deutlich, dass sich von Seiten des Verlages darauf konzentriert wird, redaktionelle Inhalte mit Werbeinhalten zu verschmelzen. Darin sehe man die Möglichkeit, sich auf dem Zukunftsmarkt, das heißt, »online«, gewinnbringend zu behaupten. Diese Tendenz ist nicht neu. Sie wird aber stärker und, wie es scheint, immer selbstbewusster und unreflektierter vertreten. Was aber bedeutet das für den Journalismus und für uns, die Bürger? Schließlich trägt Journalismus zur öffentlichen Meinungsbildung bei und ermöglicht den Fortbestand und die Entwicklungsfähigkeit einer Demokratie. Vorausgesetzt es herrscht keinerlei Abhängigkeit von etwaigen Interessenvertretern. Die momentane Situation der zunehmenden Nutzung kostenloser Informationsangebote im Internet zwingt die Verlage, zu handeln. Es scheint eine Einbahnstraße zu sein, bei der sich zunehmend von journalistischen Grundsätzen (beispielsweise der Trennung von Werbung und Redaktion) verabschiedet wird. Eine Entwicklung, in der redaktionelle Inhalte eher angepasster und friedlicher werden, bis sie nur noch dem Mainstream entsprechen.

In Frankreich ist diese Entwicklung bereits fortgeschritten. Der Medienmarkt dort ist wesentlich konzentrierter als in Deutschland. Ein großer Teil der Zeitungen befindet sich in den Händen der Industrie. Der Eigentümer der Zeitung Le Figaro ist beispielsweise der Rüstungshersteller Serge Dassault und die Zeitung Les Échos ist in Händen des Luxusgüterkonzerns Moët Hennessy Louis Vuitton. Unabhängige Berichterstattung ist in Frankreich deutlich auf dem Rückzug. Doch nun macht eine kleine Revolution von sich reden.

[Quelle: mediapart.fr]

Der ehemalige Chefredakteur der großen französischen Tageszeitung Le Monde, Edwy Plenel, hat mit mediapart.fr eine Online-Zeitung ins Leben gerufen. Die Besonderheit: mediapart ist kostenpflichtig. Und das aus gutem Grund, so Plenel kürzlich in einem Interview: »Wir lehnen die Kostenfreiheit ab, die glaubt, 100 Prozent Werbung und Quote und die größtmögliche Anzahl von Klicks genügen, um Qualität zu liefern. […] In die Welt des Journalismus' greifen derzeit Interessen ein, die dort nichts zu suchen haben. Sie beschränken nur unsere Autonomie.« Laut Plenel ist mediapart eine Zeitung und ein Klub, aber keine Webseite. 30 namhafte französische Journalisten bilden die Redaktion, die drei Ausgaben täglich produzieren (um 9, 13 und 19 Uhr). Zu 60 Prozent wurde das Projekt von der Redaktion selbst finanziert. Den Rest haben Intellektuelle und Internetgurus beigesteuert, die sich um freie Medien bemühen. Seit dem Start im März haben sich bereits rund 10.000 Abonnenten gefunden. Ab 60.000 Abonnenten ist man rentabel.

Das Erscheinungsbild des Internetprojekts wirkt tatsächlich wie eine Zeitung, nur eben digital inklusive vieler Interaktionsmöglichkeiten. Hochwertig, seriös und benutzerfreundlich gestaltet, richtet sich mediapart.fr an aktive Bürger aller politischen Richtungen. Ein interaktiver Diskurs ist erwünscht. Schließlich setzt sich die Bezeichnung mediapart aus den Begriffen Medien und Partizipation zusammen. Die Nutzer haben unterschiedliche Möglichkeiten, teilzunehmen. Sie können sich beispielsweise mit Redakteuren austauschen und eigene Blogs auf mediapart.fr einrichten. Qualifizierte Nutzerbeiträge werden mitunter in einer offiziellen »Ausgabe« publiziert.

Das Internetprojekt erregt in Frankreich Aufmerksamkeit: »Wir sind überrascht. […] Wir werden bereits in Presseschauen zitiert.« Bisher ist das Projekt ausschließlich in französischer Sprache. Edwy Plenel sieht sein Projekt allerdings durchaus grenzüberschreitend: »Ich denke, was wir mit mediapart machen, hat auch in Deutschland seinen Platz. […] Ich habe jedenfalls die Adresse www.mediapart.de gekauft. Wir haben großes Interesse. […] Die Logik: Quote, Werbung, alles gratis ist ein Trojanisches Pferd für die Normalisierung der Lage in den Redaktionen. Wir dagegen sind ein kleines Labor, ein Widerstandsnest, das hoffentlich Schule macht.«

Kosten für ein Abo:
5 € im Monat für unter 25-Jährige, Arbeitslose und Rentner
9 € im Monat Standard
15 € im Monat für Unterstützung

[Oktober 2008]

Weitere Infos gibt es hier: Homepage von mediapart.fr

Das Interview mit Edwy Plenel führte die Journalistin Stefanie Markert. Es wurde am 26. Juli 2008 auf Deutschlandradio Kultur in der Sendung Breitband ausgestrahlt und kann in voller Länge auf folgender Webseite abgerufen werden: Homepage von Breitband Online