ByteFM ist ein Musiksender, der sich auf Popmusik abseits des Mainstreams konzentriert. Ungefähr 100 Moderatoren und DJs aus ganz Deutschland arbeiten für den Sender, produzieren ihre Sendungen in eigenen Heimstudios und schicken sie anschließend nach Hamburg, wo sie in das Gesamtprogramm integriert werden.

Im Interview spricht Ruben über seinen Arbeitsalltag als Musikjournalist, aber auch Geschäftsführer von ByteFM, Idealismus und Markt, die Finanzierung des Senders und Existenzgründung.

Ruben, was sind Deine Aufgabenbereiche bei ByteFM?

Ich habe mir das ausgedacht, habe also das grundlegende Konzept für den Sender erarbeitet, und bin jetzt derjenige, der die Verantwortung inne hat. Gerade habe ich mir Gedanken über eine Programmreform, die 2010 ansteht, gemacht. Ich bespreche mit den Moderatoren gemeinsam – aber vielleicht von mir initiiert – bestimmte Themenschwerpunkte für die Sendungen. Ich bin derjenige, der sich mit der Medienstiftung beschäftigt und versucht Fördergelder zu bekommen. Zudem moderiere ich auch selbst. Im Grunde kümmere ich mich aber ständig darum, das Konzept zu verbessern. Dabei bin ich eigentlich Musikjournalist und dieses wirtschaftliche Denken ist für mich auch neu und eine spannende Herausforderung. Vorher war ich nur mit meiner Sendung beim NDR beschäftigt, wo ich auch immer noch Musikprogramm mache.

[Ruben Jonas Schnell | Quelle: ByteFM]

Verdienst Du Deinen Lebensunterhalt mit Deiner Arbeit hier oder nach wie vor als Musikjournalist für den NDR?

Nach wie vor als Musikjournalist für den NDR.

Und bleibt bei ByteFM auch etwas übrig für Dich?

Nein, inzwischen zwar ein bisschen Geld für bestimmte Moderationen, aber eigentlich nicht.

Also ist es nur Idealismus, der dahinter steckt und die treibende Kraft darstellt?

Es sind zunächst einmal Idealismus und die Vision und Idee eines tollen Projekts. Aber inzwischen hat es sich so gut entwickelt, wir haben so viel Anerkennung und Wahrnehmung bekommen, dass wir den Wunsch haben, es wirtschaftlich noch deutlich stabiler aufzustellen, so dass zumindest ein, zwei Handvoll Leute hiervon leben können und die Moderatoren, die dann immer noch nicht davon leben können, zumindest für ihre Sendung minimal honoriert werden.

Vor dem Hintergrund, dass Ihr dieses Projekt noch weiter ausbauen wollt, was denkst Du, wie sich der Idealismus und der Anspruch an niveauvollen Musikjournalismus mit der Realität des Marktes in Einklang bringen lässt?

Wenn ich auf Konzerte gehe, sehe ich da eine ganze Menge Leute – bei manchen Konzerten auch nicht so viele Leute –, aber im Grunde gehen die Leute schon aus und haben ein Interesse an dem, was wir hier inhaltlich machen. Unser Programm wird jeden Monat 450.000 Mal eingeschaltet, ohne dass wir einen Cent an Marketing-Kosten – abgesehen von Stickern – in die Hand genommen hätten. Wir haben vier Preise in zehn Monaten bekommen (Anm. d. Autors: u. a. den Grimme Online Award). Es gibt also Hörer-Feedback, es gibt ein Feedback von Journalisten, es gibt Preise und es gibt einen Sponsor. Insofern bin ich von der Entwicklung sehr begeistert und optimistisch, dass es gelingt, mit diesem Pulver, dieser Energie, die der Idealismus initiieren kann, ein Projekt zu machen, das auch wirtschaftlich funktioniert. Ich glaube nicht, dass das oft funktionieren kann. Ich glaube, ByteFM ist in dem Sinne nicht kopierbar. Die ARD kann das natürlich kopieren, denn die hat die Journalisten und das Geld, aber auf dem freien Markt lässt sich das Konzept sicherlich nicht ohne Weiteres nachahmen. Wenn jemand primär an Geld interessiert ist, funktioniert das nicht, aber wenn man Leute zusammenbringt, die für die gleiche Sache brennen, und die nicht die einzigen sind, die dafür brennen, sondern es grundsätzlich ein Publikum für die Materie gibt, glaube ich, kann es auch gelingen, es wirtschaftlich so aufzustellen, dass es funktioniert. Ein Vergleich ist beispielsweise die Musikzeitschrift Intro. Da haben sich vor 20 Jahren auch ein paar Begeisterte hingesetzt und eine Musikzeitschrift gemacht, obwohl es schon ein paar gab. Ob die nun besser ist als andere, ist eine andere Frage, aber inzwischen ist das Intro wichtig in der deutschen Musikwelt und das Magazin ist auch wirtschaftlich erfolgreich, obwohl es sogar gratis ist.

Wie funktioniert denn die Finanzierung? Auch wenn die Moderatoren noch nicht bezahlt werden, hat man ja trotzdem Ausgaben für die technischen Mittel und so weiter …

Wir haben einen Sponsor, der auf unserer Internetseite präsent ist. Für diesen Sponsor haben wir einen Player gestaltet, den man auf dessen Seite, die wiederum mit unserer Homepage verlinkt ist, herunterladen kann. Die Firma hat die Möglichkeit, in diesen Player Werbung einzubinden. Dieser Sponsor-Deal sorgt dafür, dass zunächst der technische Betrieb finanziert ist. An weiteren Kunden dieser Art sind wir natürlich interessiert. Seit einiger Zeit gibt es außerdem die Möglichkeit, Werbung auf den Seiten vom ByteFM-Magazin im Internet zu schalten. Des Weiteren gibt es seit Kurzem den »ByteFM-Freundeskreis«, ein klassisches Public-Radio-Fördermodell, wie es es in den USA gibt. Dort werden kleine Public-Radios wie unseres durch Mitgliedsbeiträge finanziert. Zudem werden wir in naher Zukunft unseren Hörern Zugang zu unserem Archiv anbieten, man wird also Sendungen unabhängig von unserem Zeitplan noch einmal hören können und dafür eine Kleinigkeit bezahlen müssen.

Hast Du auch Existenzgründungsfördermöglichkeiten in Betracht gezogen?

Ja, aber erst zu spät. Ich habe kein Existenzgründergeld mehr bekommen, weil man keine Förderung für etwas kriegt, was es schon gibt – zumindest nicht ohne Weiteres. Wir sind beispielsweise gefördert durch die Initiative Musik, die es jetzt seit einiger Zeit gibt, aber die fördert nicht ByteFM, sondern die fördert eine Sendung, die wir dafür ins Leben gerufen haben: Anstoss. Es gibt ja auch eine Bundeskulturstiftung, von der wir auch etwas fördern lassen könnten, aber – das habe ich jetzt bei diesem Projekt gelernt – eben nichts, was es schon gibt. Und eine Existenzgründerförderung auf städtischer bzw. behördlicher Basis läuft meist so, dass man eine Förderung für Angestellte bekommt. Die Stadt trägt deren Bezahlung zum Teil mit, wodurch man selbst etwas weniger bezahlen muss. Dazu muss man jedoch so weit sein, wirklich Angestellte zu haben. Wir arbeiten hier mit freien Mitarbeitern und die sind, wenn überhaupt, schlecht bezahlt. Deshalb habe ich keine konventionelle Existenzgründerförderung in Anspruch genommen. Ich betrachte das Projekt aber schon als Existenzgründung, auch wenn ich mein eigentliches Einkommen nebenher erwerbe. Ich habe das Gefühl, dass viele Arbeitsschritte genau dem entsprechen, was in einer Existenzgründung passiert. Ich muss professionell arbeiten, kontakten, mich mit Marketing beschäftigen und so weiter, diese Sachen also entdecken. Somit erweitere ich meinen Einblick und meine Kompetenzen. Außerdem handelt es sich ja eigentlich auch um einen Vollzeitjob.

Die Finanzierungsmöglichkeit durch den Sponsor, die sich dann letztlich ergeben hat, wie hast Du Dir das erarbeitet?

In diesem Fall war es relativ einfach. Technics, eine Tochter von Panasonic, stellt Plattenspieler her. Deswegen hatten wir das Gefühl, das passt gut zusammen und sind auf den Mutterkonzern zugegangen. Ich habe mich dort vorgestellt, habe von dem Projekt erzählt und bin auf jemanden getroffen, der sich dafür begeistern ließ und der sofort den Wert dieser Sache anerkannte. Das ist bis heute so geblieben. Ich glaube, dass sich die Partnerschaft sehr wohl auch für Panasonic gelohnt hat, denn die Firma ist durch die große Beachtung von ByteFM bei einer, meiner Meinung nach, ganz attraktiven Zielgruppe sehr präsent gewesen. Insofern hat sich das für beide Seiten gerechnet. Das war aber natürlich nicht absehbar. Es war auch nicht absehbar, wie professionell sich ByteFM überhaupt aufstellen kann. Deshalb bin ich dafür sehr dankbar. Weil das relativ einfach war, habe ich gedacht, es wird, wenn wir gezeigt haben, dass wir es können, genauso einfach, weitere Sponsoren zu gewinnen. Das hat sich bisher leider nicht bewahrt. Es gehört auch nicht zu meinen Stärken, einer Marketing-Person zu erklären, was für ein Projekt das ist, dass es toll ist und man eine gewisse Summe Geld dafür benötigt. Ich glaube aber, dass das Projekt selbst stark genug ist, von alleine zu überzeugen.

Dass das Projekt Deine Schwäche kompensieren kann …

Ja, im Grunde muss es das. Eigentlich muss es jemanden geben, der auf Provisionsbasis loszieht und Kontakte in diese Richtung schafft. Es kann nur so gehen. Ich alleine kann auch nicht alles. Das ist auch etwas, was ich hier gelernt habe: Ich kann nicht alles und muss auch gar nicht alles können. Sonst macht man sich kaputt.

Vielen Dank für das Gespräch.

Ich verlasse das kühle Gebäude mit dem Gedanken, dass man auf dem harten Markt wohl am glücklichsten wird, wenn man eine Sache mit Idealismus angeht. Idealismus kann Projekte entstehen lassen, mit denen man zwar vielleicht nicht sofort den großen Durchbruch schafft, aber am meisten Spaß hat. Dadurch wird man auch alle Hürden nehmen. Beeindruckt davon, dass es Menschen gibt, die einen Vollzeitjob machen, damit aber nichts verdienen, sondern einfach daran glauben, dass es irgendwann so sein wird, begebe ich mich wieder hinaus in die hellen Sonnenstrahlen. Nichts könnte meine Stimmung besser ausdrücken.

[Januar 2010]


Weitere Infos gibt es hier: Homepage von ByteFM



Weblog von info-parkour.de ; Twitter-Account von info-parkour.de