Ich soll mir übers Internet Gedanken machen?

Wenn ich mir nie über irgendetwas intensiv Gedanken machen wollte, dann über das Internet. Nicht dass ich mir noch nie Gedanken darum gemacht hätte. Da kommt man ja nicht drum herum, will man bei Gesprächen darüber mehr als nur Ja oder Nein sagen. Aber sechs Fragen darüber zu beantworten, die Zeit in Anspruch nehmen, die ich lieber der Natur entgegenbringen würde ... gerade jetzt! Wo bei uns eine Schleiereule im Schub haust, wo Fledermäuse sich in die Küche verirren, wo Wildgänse sich auf unseren Feldern treffen, um sich langsam und allmählich in wärmere Gefilde aufzumachen, wo Wildschweine geschossen werden, weil der Mais abgeerntet wird, indem sie sich sauwohl gefühlt haben, ohne vorher Lunte zu riechen, wo die Oleander und Rosen in meinem Innenhof das letzte Mal blühen! Gerade da soll ich mir Gedanken ums Internet machen?

Hühner und Menschen – jedem seine eigene Seite.


Und das auch noch, wo ich es doch im Grunde nur nutze, um in zeitgemäßer Form Briefe zu schreiben, wo ich doch nur Seiten anklicke, in denen mir Menschen dieses Landes Tipps geben, welche homöopathischen Mittel ich bei meinem an Arthrose erkrankten Hund ausprobieren soll, was ich tun kann, damit meine alten Katzen ihren Kreislauf in Schwung halten oder mit welchem ätherischen Öl ich den Schnupfen meiner Hühner bekämpfe.
Ich nutze das Internet, indem ich Foren aufsuche, in denen ich mich mit Menschen austausche, die an derselben psychischen Krankheit leiden wie ich, mit denen ich sogar ab- und an chatte. Nicht ohne jedes Mal das niedrige Niveau zu beklagen, denn auch dort findet man selten Menschen, die nicht auf Partnersuche sind. Schnell wird gefragt, ob man w oder m sei; ob man nicht auch Lust hätte, das Gespräch zu verlagern.

Aber dafür gibt es doch schon Seiten. Bei einer von diesen bin ich ein so genanntes Mitglied und ich gebe gerne zu, dass ich dort schon interessante Menschen getroffen habe. Es sagen so viele: Auf diesen Seiten tummeln sich nur Menschen herum, die nichts mit sich anzufangen wissen, die ›draußen‹ nicht in der Lage sind, jemanden kennen zu lernen und die etwas zu verbergen haben. Na bitte, dann gehöre ich dazu. Tausende von Mitgliedern auf allen Seiten macht wahrscheinlich insgesamt Hunderttausende von Nutzern. Aber keiner will dabei sein. Menschen, die dort nicht sind, haben alle eine reine Weste. Schamvoll gestehe ich einem Gast in meinem Haus, dass ich jemanden im Internet kennen gelernt habe. Ein Stöhnen vom Gegenüber und schon rutsche ich in eine Verteidigungsrolle fürs Internet, für Menschen, die ich unmöglich alle kennen kann und will. Kämpfe wie Don Quichotte gegen Windmühlen. Gesocks gibt es überall. Fragt sich nur, wie man es definiert und wann Gesocks überhaupt Gesocks ist. Ich bin gespannt, wann sich das mal ändert.

Vom Schneckenfühler zum Vogelkot Google doch mal!


Und dann gibt es ja Google, die allumfassende Seite, die mich sogar mit einem ›meinten Sie‹ auf meine orthografischen Fehler hinweist. Manchmal reagiere ich schon unwirsch auf die Suchmaschine, denn so schlecht ist meine Rechtschreibung nun wiederum nicht und dann rufe ich auch mal säuerlich aus: »Nein, das meinte ich eben nicht!«. Diese Seite, die heute in fast aller Munde ist: »Google doch mal!« Kinoprogramm, Konzerte, Theater, Adressen, Postleitzahlen, Telefonnummern, Wegbeschreibungen, Bücher gebraucht und neu, Musik, Kleidung, elektronische Geräte etc. pp. Finde ich alles und kann ich mit zwei, drei Klicks kaufen. Und vieles begegnet mir, von dem ich noch gar nicht wusste, dass ich es brauche. Neulich hat eine sehr gute Bekannte erzählt, dass sich Parasiten in Schnecken setzen und dann in ihre Gehirne schleichen, was zur Folge hat, dass die Schnecken ihre Fühler nicht mehr einziehen können und sie generell irgendwie benebelt sind und sich deshalb auch nicht in ihr Schneckenhaus zurückziehen können. Ab dem Moment sitzen sie auf dem Präsentierteller, denn dadurch entdeckt sie der hungrige Vogel und frisst die Schnecke und genau das will der Parasit. Der ist an der Schnecke gar nicht interessiert, sondern will in den Vogel, um sich dort breit zu machen. Das wurde hier auf unserem Hof mit Gelächter angezweifelt. Ich war mir sicher, dass diese Bekannte recht hatte. Ich weiß, sie behauptet nicht einfach etwas. Nun hätte man sagen können, da muss sie mal in die Bibliothek und wenn wir uns in drei Jahren wiedersehen, erbringt sie den Beweis. Was habe ich gemacht? Ich habe es gegoogelt, wurde an der Wiener Universität fündig, konnte zeitnah den Beweis erbringen und die Bekannte gut stellen. Es war mir ein Fest.

404 Not Found  Hier hätte ich's bestimmt gefunden.


Bei all dem ist es mir wurscht, wie gut die Seite ist, so lange ich finde, wonach ich suche. Ich bekomme ja schon mitunter die Wut, wenn ich ›404 Not Found‹ lese, weil ich dann natürlich erst recht glaube, dass ich auf dieser Seite eine Antwort auf meine Frage bekommen hätte. Und oft ist es mir passiert, dass ich eine gut strukturierte Seite nicht wiedergefunden habe, weil ich ständig vergesse, Lesezeichen zu setzen. Foren zum Beispiel sind ja alle ähnlich aufgebaut, so dass ich mittlerweile schnell erkennen kann, ob ich etwas finde oder ob da meiner Ansicht nach nur Humbug steht. Ich mag keine Seiten, bei denen ich mich anmelden muss, um an jede Information zu kommen, aber ich komme bei vielem kaum darum herum und also bin ich auch da altersmilde geworden und drücke ab und an ein Auge zu. Schließlich kann ich doch nicht bestreiten, dass ich die Info nicht einfacher und schneller bekommen kann als eben dort.

Frau erschlägt Mann mit der Axt (oder umgekehrt).


Und dann gibt es da noch die Werbung. Viele mögen die Seiten nicht, auf denen sie mit Reklame bombardiert werden. Ich war dafür noch nie anfällig. Ich schaue tatsächlich darüber hinweg. Ich hatte auch bis dato über alle Texte hinweg geschaut, die mich in meiner Vorliebe, schnell ans Ziel zu kommen, hinderten. Ich habe es nun aber ein paar Mal erlebt, dass Leute im Alltag zu mir sagten: »Hast du das schon gehört!?« und ich musste fast kleinlaut gestehen, dass ich das noch nicht gehört hatte (nicht ohne die eigene innere Entschuldigung, dass die Tagesschau ja erst um 20 Uhr kommt). Mit einem kleinen, desinteressierten Unterton fragte ich dann nach der Quelle und es hieß zum Beispiel »Habe ich gerade bei GMX gelesen.« Nach all dem schaue sogar ich ab und an, was T-Online mir an Neuigkeiten präsentiert, wenn ich ins Internet gehe. Das ist nämlich immer die Seite, die sich aufbaut, wenn Mozilla sich öffnet und das, obwohl ich Google als Startseite angegeben habe. Und da lese ich dann Frau erschlägt Mann mit der Axt (oder umgekehrt), Baby aus dem Auto geworfenMünte äußert sich brandaktuell. Na, Ihr wisst schon, was ich meine. Ich frage mich dann immer, ob ich das wissen will. Und stelle immer auch wieder beruhigt fest, dass ich der Tagesschau und der ZEIT mehr vertraue.

Lieber ein Buch mit Eselsohren als einen Flachbildschirm mit Brille.


Ich brauche Papier, ich will, dass es knistert, ich will, dass ich die Seiten der ZEIT in meinem Innenhof bei starkem Wind so falten muss, dass sie mir nicht um die Ohren fliegen. Ich will einen Menschen, der mich durch den Fernsehbildschirm anschaut und mir die neuesten Nachrichten nahe bringt. Ich will ein Buch, das ich überall mit hinnehmen kann, das sich mit Eselsohren als wertvolles Buch sehen lassen kann. Ich will Gedrucktes und keinen Flachbildschirm vor Augen, der mich bei längerem Hineinstieren dem Tragen einer Brille schneller näher bringt als Bücher. Ich möchte dem Autor, dem Verlag huldigen, indem ich die Arbeit, Sorgen, Verzweiflungen und euphorischen Momente entsprechend be- und entlohne. Wikipedia misstraue ich grundsätzlich, obwohl ich auch dort schon Dinge lesen durfte, deren Wahrheitsgehalte mir bekannt waren. Aber Hallo! Wie schön ist doch ein Lexikon!? Und auch wenn Bücher immer teurer werden, halte ich die Erfindung des Buchdrucks nach wie vor für eine der genialsten. Ohne Bücher kann ich nicht leben, ohne Internet schon. Kurzum: Lesen im Internet bereitet mir also nur ein kurzes Vergnügen.

Ist die Rückantwort auf meine Rückantwort von der Rückantwort schon da?


Ich habe mich neulich gefragt, wieso es eigentlich so viel Internetcafes gibt und wer sich darin wohl alles tummelt. Und dann kam der Tag, an dem ich in die Stadt musste und gleichzeitig begierig auf eine wichtige Rückantwort per Mail wartete und also ging ich – weil ich nicht einmal die zwei Stunden, bis ich wieder zu Hause sein würde, abwarten konnte – in ein Internetcafe, um zu schauen, ob ich die Antwort schon habe, und eine Stunde später war ich schon wieder da, um zu schauen, ob ich eine Rückantwort auf meine Rückantwort von der Rückantwort hatte. Ich muss schon sagen, dass mir ein wenig übel dabei wurde.

Ich nutze das Internet aufs Jahr gesehen im Schnitt vielleicht eine halbe Stunde am Tag. Manchmal eben gar nicht und manchmal verhake ich mich um Stunden darin. Dass es nur so wenig ist, kann durchaus daran liegen, dass ich nur einen analogen Anschluss habe. YouTube zum Beispiel ist für mich im Grunde passé, denn eine halbe Stunde für ein vierminütiges Video? ICQ, Skype oder MSN setzen fast ständige Online-Bereitschaft voraus. Bin ich denn blöde?

Das Internet ist für mich die Möglichkeit, sich in diesem schnellen Zeitalter die Schnelligkeit zunutze zu machen, um der Trägheit, unbekannte Dinge anzupacken, zu entfliehen. Weil man eben nicht mehr stundenlang herumtelefonieren muss, um einen zu finden, der einen kennt, der vielleicht wieder einen kennt, der weiß, ob homöopathische Mittel helfen. Die zahlreichen Landschaftsfotos von Internet-Usern sind mir allerdings schnuppe. Ich habe sie schließlich zentral vor Augen, kann sie anfassen und berühren.

[Januar 2009]