Adolf Grimme nannte ihn, den Studenten, »einen Träger der Idee der Wahrheit«. Der Kulturpolitiker beschreibt bereits in den fünfziger Jahren das studentische Vorrecht: entgegen anderer Menschen für Jahre studieren zu können, sich geistigen Erlebnissen hinwenden zu dürfen, entgegen anderer, die zum Studium nicht zugelassen werden.
[Illustration: Roland Brückner]
Bildung ist ein Vorrecht, dass wir einigen Menschen schlichtweg voraus haben - im eigenen Land, gegenüber Freunden, Fremden und Verwandten.
Durch die globalisierte Welt bringt ein Studium Verpflichtung mit sich, denn wir sind die, die verstehen lernen, was in der Welt geschieht. Wer studiert, gehört zur Speerspitze derer, die sich in Zukunft um die Gemeinschaft sorgen und sie verantworten werden.
Millionen - anders als wir - bangen um ihre tägliche Existenz. Als ein Ergebnis auch unserer Handlungsprinzipien. Wir angehenden Akademiker sollten das eher erkennen können als die, die nicht studieren (wollen oder können).
Mit dem, was wir lernen, können wir kommunizieren, was hilft, Mehrwert besitzt oder der Gesellschaft der Menschen zugute käme. Fern langweiliger Klischees, politisch verstaubter Attitüden und leidenschaftslosen Informationsbroschüren, bestehend aus schnödem Verpackungsdesign, Worthülsen und Lippenbekenntnissen.
Für das Heraufkommen besserer Zustände - gesellschaftlicher, wirtschaftlicher, am Ende insbesondere humanitärer Zustände, national und international, dazu reicht, ganz gleich wessen Wille und die Stimmung, dass es anders werden müsse, nicht aus. Denn der Wille allein ist blind. Intellekt gibt unserem Willen ein Augenlicht. Den Intellekt schärfen wir während des Studiums, dank dessen wir auch handeln lernen.
Student sein heißt nach Adolf Grimme, »den Weg vom bloßen Vorurteil zum klaren Urteil gehen«. In Zeiten der Bildungsreformen, den Nachwehen des Bologna-Prozesses, nach denen immer mehr Hochschulen unter dem Wettbewerbsdruck zu - mit Verlaub - wirtschaftskonformen Werkbänken verkommen, eine wirkliche Herausforderung, nämlich diese Entwicklungen zu verstehen, um sie mitgestalten zu können. Denn was gerade geschieht, hat viel mit Praxistauglichkeit, aber nur noch wenig mit dem »Nach-Etwas-Streben« oder »Sich-Um-Etwas-Bemühen« zu tun. Selten werden wir im Studium wirklich mit Ideen erfüllt, animiert, uns eine neue Meinung über die geistige Verfassung unserer Gesellschaft zu bilden oder zu überlegen, welche Relevanz die Inhalte unseres Studiums für wen genau überhaupt besitzen.
Was ist nötig, um sich von vorgegebenen Meinungen, überkommenden Begrifflichkeiten zu befreien und den Geschehnissen wieder auf den Grund zu kommen? Radikalität im Geist ist nötig. Dabei kann ein Student die Grenzen seiner geistigen Radikalität kaum jemals erreichen, so weit sind diese gesteckt oder anders: so vielfältig sind die Möglichkeiten.
Radikalität, geistige, ist für den Einzelnen ohne Frage eine ernsthafte Anstrengung: Denn wer einmal auf diese Spur gelangen möchte, darf sich nur noch auf seinen eigenen Blick verlassen. Solch ein Mensch prüft Urteile in der Regel ohne Ausnahmen. Gleich, welche Autorität ihm gegenübersteht. Nur so erhalten wir jemals die Chance, aus uns selbst geistige Persönlichkeiten zu machen. Und wie gesagt, die Gesellschaft hat eine Menge solcher Stellen noch leer stehen.
Das Fremde in Frage zu stellen, schließt die eigene Person, die eigenen Handlungen nicht aus. Es ist die Frage nach ausreichender Immunität gegenüber alltäglichen Phrasen, akademischen Theorien, gegenüber dem medialen Overkill, den Informationen aus Text, Bild, gesprochenen Worten oder dem sozialen Umfeld. Immer mehr Menschen sind diesem Overload ohne Filtersystem ausgesetzt. Das mag uns verbinden. Denen, die das Privileg besitzen, ihre eigene Person bewusst zu formen, statt in jedem Moment um die Existenz zu kämpfen, mag das aber auch Verantwortung übergeben. Wer diese nicht erträgt, wird den Rückzug in eine eher - ich nenne das mal erfahrungsgemäß - »geistlose Herde« bevorzugen. Eine ethische Haltung liegt ihr, wie auch ein Wille zur Verantwortung, meist fern.
Den Dingen jedoch auf den Grund zu gehen, seinen unbeirrten Willen zu pflegen, sachlich zu bleiben, hilft, aus dem Kollektivdenken herauszutreten, aus der Masse. Nur eine solche Persönlichkeit kann auch die medial zerfledderten Begrifflichkeiten wieder auf eine nüchterne, statt sinnentleerten wieder sinnvollen Ebene zurückbringen und Klärung herbeiführen. Dieser Schlag Mensch gehört dann zu den Gestaltern dieser Gesellschaft.
Nur die Studenten von uns, die wir die uns gewährte akademische Freiheit studieren zu können begreifen, können sie zur Selbstentfaltung und Gestaltung der eigenen Persönlichkeit nutzen. Ich wünsche es uns jedenfalls. Es geht dabei um die Freiheit der Entscheidung und um Selbstverantwortung - beides ist eine Haltung. Beides ist notwendig, um anderen Menschen, direkt wie auch indirekt, Hilfestellung zu leisten, in geistige Freiheit zu gelangen und wieder anderen zu helfen, eine Persönlichkeit zu werden. Dabei entsteht das, was wir gleichzeitig jeden Tag schützen müssen: Meinungsfreiheit. In vielen Ländern dieser Erde gibt es sie nicht, nicht mehr oder hat es sie bisher nicht gegeben. Wer Meinungsunterdrückung unterstützt, weil ihm die Geschäfte und das Geld schwerer wiegen als die Wohlfahrt des Menschen, ist nicht frei und ohne Einsicht. Ein solcher Mensch ist Masse.
[April 2008]

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