Welche Aspekte Deines Studiums haben Dir in Madrid besonders gut gefallen?
Wer überlegt, ERASMUS zu machen, sollte sich als allererstes den Film »L'auberge espagnole – Barcelona für ein Jahr« ansehen, denn er beschreibt haargenau, wie das Leben als ERASMUS-Student aussieht. Ich habe so einiges am eigenen Leib erfahren, was im Film vorkommt und auf die Spitze getrieben wird. Genau diese Erfahrungen, ob gut oder schlecht, wollte ich alle machen und sie wurden in Madrid noch übertroffen!
Was das Studium betrifft, hat mir am besten gefallen, dass ich hier freie Auswahl hatte, was die Kurse in der Uni betraf und mir somit erst mal alles angucken und dann entscheiden konnte, worauf ich mich konzentrieren will. Ich habe mich unter anderem für drei Fotografie-Kurse entschieden, die alle sehr strukturiert aufgebaut waren und sowohl Theorie als auch Praxis enthielten. Das gefiel mir an der Uni. Außerdem war es mal eine interessante Erfahrung, überhaupt an einer richtigen großen Universität zu sein und nicht »nur« auf einer Hochschule. Ich hätte, wenn ich gewollt hätte, sogar zwei Kurse an einer ganz anderen Fakultät der Uni wählen können. Insgesamt kam mir die Universität in Spanien viel verschulter vor als unsere Hochschule in Hamburg.
[Fotografie: Natalie Mathes, Department Design]
Hat die Vorbereitung des Auslandssemesters Deinen Studienerfolg oder -verlauf gefährdet/beeinträchtigt (Vorbereitungsarbeit, Bewerbungen auf Stellen und Stipendien, Visa-Beantragung, Mehrarbeit zur Beschaffung finanzieller Mittel, Planung der Abschlussarbeit nicht/nur schwer aus dem Ausland durchführbar etc.)?
Ja. Die Vorbereitung hat in meinem Fall schon ziemlich viel Zeit in Anspruch genommen. Ich musste, da ich an eine Kunst-Fakultät wollte, wie üblich, ein Portfolio machen, das alle meine bisherigen Arbeiten repräsentiert. Und da ich nur eine CD und keine große Mappe schicken sollte, musste alles professionell eingescannt werden. Ich bekam allerdings viel Unterstützung vom »International Workshop« an der HAW. Und für diesen Kurs habe ich am Ende sogar einen Schein bekommen. Insofern war das für mich eher positiv. Übrigens sollte man sich vorher darum kümmern, sich vom HVV-Semesterticket für das ERASMUS-Semester befreien zu lassen. In manchen Fällen ist es auch gut, dieses Semester als Urlaubssemester eintragen zu lassen, in meinem allerdings nicht.
Konntest Du Dich intensiv mit der Landessprache auseinandersetzen oder sprachst Du überwiegend Deutsch? Bist Du mit der Fremdsprache klargekommen? Welche Vorkenntnisse waren erforderlich? Wie haben sich Deine Kenntnisse im Laufe der Zeit entwickelt?
Ich habe weitestgehend versucht, mich nicht davor zu drücken, spanisch zu sprechen. Ich wollte die Sprache gerne lernen. Ich hatte zwei spanische Mitbewohner und habe auch meinen Freundeskreis eher danach gewählt, dass ich ein bisschen spanisch sprechen konnte. Allerdings sind meinem Gefühl nach mehr als die Hälfte aller ERASMUS-Studenten in Madrid zurzeit Deutsche. Und ich war überrascht, auch einige Einheimische zu finden, die Deutsch konnten.
Man muss in dem Land, in dem man sich aufhält, eigentlich sowieso nur ein Wort problemlos sagen können: »Alles klar!«, »Vale!«, »D'accord!«, »Alright!«. Und schon erweckt man den Eindruck, man verstünde jedes Wort. Doch in der Universität musste ich mich davor hüten, das zu oft zu sagen, denn ich verstand tatsächlich am Anfang ziemlich wenig. Alle haben mich beruhigt und gesagt, nach einer Zeit wird es besser, was es auch wurde, doch bis ich dort angekommen war, war es ein großes Chaos. Vor Semesterstart gab es von der Universität einen zweiwöchigen Sprachkurs für ERASMUS-Studenten, der am Anfang sehr geholfen hat. Ich hatte vorher schon ein Jahr lang freiwillig in Hamburg Spanisch gelernt und war daher nicht mehr in der allerniedrigsten Stufe, doch in der darüber, zusammen mit meinem Mitbewohner, der erst seit drei Wochen Spanisch gelernt hatte. Inzwischen sind wir auf demselben Level. Für den Anfang tat der Sprachkurs zwar gut, aber danach hätte man sich selbst einen Sprachkurs suchen (und bezahlen) müssen, was ich nicht tat. Obwohl mein umgangssprachliches Spanisch inzwischen nicht mehr schlecht ist, wäre es im Nachhinein doch gut gewesen, mir einen regelmäßigen günstigen Sprachkurs zu suchen, um Grammatik und speziellere Vokabeln zu vertiefen.
Wie viel Vorbereitungszeit war insgesamt nötig und war das im Nachhinein dann ausreichend? Was würdest Du heute anders machen?
Man sollte spätestens ein halbes Jahr vor dem Auslandssemester mal zu dem ERASMUS-Koordinator am Department gegangen sein, um sicher zu gehen, dass man noch einen Platz bekommt. Mit viel Glück und Beeilung klappt vielleicht ein paar Monate zu spät auch noch was. Doch ein halbes Jahr ist nicht übertrieben als Vorbereitungszeit. Also einfach am Anfang des vorherigen Semesters darum kümmern, dann ist es ganz leicht. Man muss zu verschiedenen Stellen, um sich Unterschriften zu holen (in meinem Fall zu Nir Alon, Frau Drengwitz und Frau Nebelung), Dinge zu beantragen und durch das Papierchaos durchzusteigen. Und im Falle einer Kunsthochschule muss man sogar noch ein Portfolio machen. Aber vor all dem sollte man nicht zurückschrecken, denn es lohnt sich!
Wie und wo hast Du Dich im Vorhinein von Deutschland aus auf Dein Reiseziel vorbereitet?
Für alles Organisatorische ist der International Coordinator an der HAW (Nir Alon für das Department Design) zuständig, der einem in der Regel gerne bei allem weiterhilft.
Für den persönlichen Umzug ins Ausland ist es am hilfreichsten, gute Beziehungen zu haben. Ich hatte das Glück, dass eine alte Schulfreundin meiner Mutter in Madrid lebt und ich sie auf einer Familienfeier vor meiner Reise treffen konnte, wo sie mir anbot, die ersten Tage bei ihr zu übernachten, bis ich in Madrid eine Wohnung gefunden hatte. Durch ihre Tochter lernte ich meinen späteren Mitbewohner kennen, der gerade eine neue Mitbewohnerin für diese tolle WG suchte. Man muss nur rumfragen, dann kennt immer irgendwer irgendwen, der einem weiterhelfen kann.
Einen Flug rechtzeitig zu buchen, war schwierig, weil ich erst mal herausfinden musste, wann genau das Semester beginnt und wann es endet. Außerdem musste ich darauf achten, genug Gepäck mitnehmen zu dürfen (was für allem für den Rückweg wichtig ist)!
Welche Insidertipps (Wohnungssuche, Austausch mit anderen vor Ort, Integration in den gesellschaftlichen Alltag) kannst Du heute weitergeben?
Die wichtigste Zeit, in der man Tipps braucht, ist der Anfang, am Ende kann man selbst einschätzen, wie man sein Auslandssemester gestalten will und was man dafür braucht.
Für die Wohnungssuche braucht man in der Regel nur in die Nähe der Uni zu gehen und dort nach Flyern Ausschau zu halten, denn in Spanien werden Studenten- und WG-Zimmer meist spontan am Semesteranfang vermietet und sind auch meist möbliert. Man muss darauf achten, dass das Zimmer ein Fenster und eine Heizung hat und nicht zu weit ab vom Schuss ist, denn manche tollen Angebote sind es in Wirklichkeit gar nicht. Auch wenn man anfangs nicht in einer Jugendherberge schlafen musste, schadet es nicht, die Leute dort kennen zu lernen, denn sie sind ja in der selben Situation wie man selbst.
Wenn es in der Stadt einen ESN (ERASMUS Student Network) oder Ähnliches gibt, dann hat man sowieso eine gute Anlaufstelle für den Anfang. Dort gibt es auch gratis Handy-Prepaid-Karten, denn was man am Anfang am dringendsten braucht, ist eine spanische Handy-Karte. Ich hatte mir schon bevor ich zum ESN ging eine teure Karte bei dem Anbieter Moviestar geholt, was mich im Laufe der Zeit viel gekostet hat.
Um aber nicht ganz verloren in der Stadt rumzuirren, bin ich zu Anfang nie ohne mein Equipment (Reiseführer, Stadtplan, Metroplan und Wörterbuch) aus dem Haus gegangen.
Für das Studieren habe ich aber noch einen sehr wichtigen Insidertipp für Euch: Wenn Euch Euer ERASMUS-Koordinator sagt, Ihr müsst für den Aufenthalt 30 Credit Points pro Semester zusammenkriegen, dann fragt noch mal nach, was genau passiert, wenn Ihr es doch nicht schaffen solltet und achtet auf das Augenzwinkern, wenn die Antwort, wie bei mir, »gar nichts« lautet. Natürlich wollen die von der Hochschule, dass Ihr auch versucht, im Ausland wirklich zu studieren und nicht nur Party zu machen, was ja auch wirklich empfehlenswert ist. Doch wenn Ihr diese, meiner Meinung nach, hohe Anforderung der 30 Credit Points nicht schafft, dann geht nicht gleich die Welt unter. Ich glaube insofern, dass das meistens eher als Empfehlung gedacht ist. Doch ist mir das erst im Nachhinein aufgefallen.
Ich muss auch sagen, dass es nicht schwer ist, Kurse als ERASMUS-Student zu bestehen, denn nirgendwo werden so viele Ausnahmen gemacht wie hier. Die meisten Professoren haben doch Verständnis dafür, dass man die Sprache noch nicht perfekt kann.
[Fotografie: Natalie Mathes, Department Design]
Wie hast Du eine Unterkunft gefunden und warst Du mit ihr dann zufrieden?
Ich hatte, wie gesagt, durch Glück gleich eine nette WG gefunden. Schon bei der Besichtigung hatte ich das Gefühl, dass ich mich hier sehr zuhause fühlen würde. Der Stadtteil (Cuatro Caminos) ist nicht weit von der Uni und auch nicht weit vom Zentrum entfernt. In Madrid kommt man in jedem Fall überall sehr gut mit der Metro hin. Egal wo, es ist immer eine Station in der Nähe, selbst bei IKEA, was man am Anfang ja braucht. Die Stadtteile sind auch nach der jeweiligen Metro-Station benannt. Daher kann man bei der Suche sehr schnell mit einem Blick auf den Metro-Plan einschätzen, in welcher Gegend die Wohnung ist und wie lange man zur Uni braucht.
Es ist auch immer wichtig, die Mitbewohner, mit denen man ein halbes Jahr leben wird, kennen zu lernen, um einzuschätzen, ob das eine reine Zweckgemeinschaft oder eine Freundschaft werden kann. Auch in diesem Fall hatte ich großes Glück.
Wie hast Du den Kontakt zur Hochschule hergestellt? Wie hast Du Deinen Platz ausfindig machen können?
Nachdem meine Bewerbung angenommen war, hat mir die Universität schon E-Mails geschickt, die mir beschrieben haben, wo ich erstmals zum Sprachkurs hingehen sollte und wo und wann ich mich im ERASMUS-Büro für die Immatrikulation einzufinden habe. Mir wurde vom ESN ein Tutor zugewiesen, den ich auch per E-Mail angeschrieben habe. Er war auch Student an meiner Fakultät und hat mir alles Weitere gezeigt. Er ist mit mir auch zu der ERASMUS-Koordinatorin gegangen, die mir alles Notwendige für die Kurswahl erklärt hat. Man sollte sich immer alle Kurse erst mal direkt ansehen, bevor man sich für einen entscheidet, denn es gibt immer Professoren, die man leicht versteht und andere, bei denen das eher nicht der Fall ist. Außerdem kann man sich unter dem Kurstitel meistens nichts vorstellen, was den Inhalt betrifft (zum Beispiel »Proyectos II«). Man sollte übrigens zu Anfang immer eine Menge Passbilder dabei haben, die sich leicht am Automaten in der Metro machen lassen. Ich habe in der Anfangszeit mehr als zehn gebraucht, für jeden Kurs, in den ich mich eingeschrieben habe, und verschiedene Ausweise. Die Metro-Monatskarte heißt in Madrid übrigens »Abono Transportes« und ist in den Tabakläden am Anfang des Monats erhältlich. Es gibt leider keine Studentenvergünstigungen, nur Tarife für Jugendliche oder Erwachsene. Sollte man die Karte aber nicht täglich oder nicht den ganzen Monat nutzen, dann lohnt es sich mehr, sich mehrere Zehner-Karten zu kaufen.
Um mit anderen Studenten, die ich kennen gelernt hatte, in Kontakt zu treten, war es für mich unumgänglich, bei Facebook angemeldet zu sein, denn das war immer die einfachste Variante und meist blieb ich mit Leuten, denen ich bei Facebook schreiben konnte, eher in Kontakt als mit Leuten, von denen ich mir die Handy-Nummer geholt hatte.
Warum hast Du Dich für Spanien entschieden?
Ich habe mich für Spanien entschieden, weil ich Spanisch lernen wollte und weil mir das Klima und die Kultur sehr gefallen. Aber genau genommen wäre mir Südamerika lieber gewesen, da mein damaliger Freund Südamerikaner war. Dies, und dass meine Schwester mit ihrer Familie in Chile leben wollte, hat mich dazu bewogen, Spanisch zu lernen. Außerdem wollte ich nicht so faul sein und in ein Land fahren, wo Englisch gesprochen wird und ich insofern keine neue Sprache lerne. Für Madrid habe ich mich nur entschieden, weil es eine Partneruniversität mit sehr gutem Ruf war, aber ich hätte mir eine Stadt am Meer besser vorgestellt. Doch im Nachhinein war ein Strand im Wintersemester absolut unnötig und die Vielfalt und Größe Madrids besser für mich geeignet. Und auch wenn meine Schwester nun doch in Deutschland lebt und ich mich bald nach meiner Ankunft hier von meinem Freund in der Ferne getrennt habe, war es die beste Entscheidung, nach Spanien zu gehen. Auch wenn ich der Meinung bin, dass die Leute in Südamerika ein deutlicheres, langsameres, einfacheres Spanisch sprechen als hier. Und es ist erstaunlich, was für eine Vielfalt an Worten die Spanier für die Wörter »scheiße« oder »geil« haben. Und natürlich nicht nur das. Aber ich muss sagen: »¡Madrid mola!«
Was waren für Dich die größten Herausforderungen im Ausland (Klima, Freundschaften, Anerkennung von Leistungsscheinen, Heimweh, Sicherheit etc.)?
Heimweh befiel mich so ab der Hälfte der Zeit, was in meinem Fall ja schon nach drei Monaten soweit war. Da hat man langsam festgestellt, dass man zwar ziemlich viele Freunde hier hat, aber keine alten Freunde, auf die man sich verlassen kann, die immer für einen da sind und die einem richtig doll am Herzen liegen. Doch Heimweh geht vorbei und dann kann man sich auch in Ruhe davon ablenken lassen und eine Menge Spaß haben. Wenn man sich auch ab und zu klarmacht, dass man jederzeit auch wieder nach Hause zurück kann, ist das beruhigend und lässt einen eher erkennen, dass man diesen schönen Aufenthalt in Wirklichkeit um nichts in der Welt beenden will. Für mich war es eine große Herausforderung, mich um alles ganz alleine kümmern zu müssen, da ich bisher nur mit meiner Mutter zusammengelebt habe. Alleine schon Dinge des WG-Zusammenlebens (Haushalt, Einkaufen, Abspülen …) waren Herausforderungen für mich, an denen ich sehr gewachsen bin.
Wie hast Du die Zeit zwischen Lernen und Schlafengehen gestaltet (Yoga, Partys, Capoeira, Sky-Diving etc.)?
Es gibt Leute, die behaupten würden, ERASMUS zu machen ist gleichzusetzen mit Party machen. Selbst der langweiligste Partymuffel wird in der ERASMUS-Zeit zu jemandem, der auch donnerstags auf Piste geht und öfter mal die erste Bahn morgens nach Hause nimmt. Doch ich war erstaunt zu sehen, wie trotz all diesem Spaß noch gelernt wurde, trotzdem noch andere Aktivitäten, die die Stadt so zu bieten hat, in Anspruch genommen wurden und es auch viele ruhige Filmabende unter der Woche zuhause gab. Vor allem, wenn man den Luxus eines Wohnzimmers mit Beamer hat und damit sein eigenes Kino, so wie in meiner WG.
Es gab zwar an der Uni einige Sportveranstaltungen, aber ich habe nur an einem Tanzkurs teilgenommen, der durch den ESN angeboten wurde. Dort konnte man Flamenco und Salsa lernen. Das Ganze fand ganz ungezwungen, ohne feste Teilnehmerliste, in einer Bar in der Innenstadt statt und kostete nur einen Euro für Leute mit einer ESN-Karte, die es auch sehr günstig für fünf Euro gab. Der ESN ist sowieso die Anlaufstelle für alle ERASMUS-Studenten gewesen. Sie haben Reisen in nahgelegene Städte organisiert und Willkommenspartys und jede Woche einen Treffpunkt in einer netten, günstigen Bar. Der Vorteil des ESN ist, dass sie nicht kommerziell orientiert sind, im Gegensatz zu den teuren ERASMUS-Veranstaltungen von anderen Anbietern und Discos. Daher kann man dem ESN immer Vertrauen, was nicht für andere Veranstalter gilt (bei Reisen, Partys etc.).
[Fotografie: Natalie Mathes, Department Design]
Welche Kontraste hast Du zur maritimen Hamburger Kultur (kulinarische Differenzen, Klassensysteme, Lautstärke von Fernsehgeräten, Nachbarn und Gesprächen, Floskeln, Umgangsformen, Landschaften, Rituale etc.) erfahren?
Über die Lautstärke in Madrid könnte ich ein Lied singen. Doch ich müsste es so laut singen, dass mir nach einer Weile die Kehle wehtun würde, wenn ich tatsächlich versuchen wollte, die lauten Nachbarn und ihre Fernseher oder Hunde, die Punks nebenan mit ihren Bands, die ständig piependen Ampeln, die Straßenreinigung, Müllabfuhr und Baustellen zu übertönen! Als ich in den Ferien zurück und wieder an eine der belebtesten Straßen Hamburgs nach Hause kam, hab ich mich tatsächlich über die Stille dort im Vergleich zu Madrid gefreut. Außerdem bietet die Stadt sehr wenig Parks und Bäume und auch so gut wie keine Gewässer. Doch auch wenn Madrid übersäht ist mit engen Straßen und hohen Gebäuden, gibt es einige sehr schöne Plätze, die gute Treffpunkte bieten.
Kulinarische Differenzen gibt es natürlich, aber wer kennt nicht zumindest ein bisschen die reichhaltige spanische Küche mit Tapas, Tortilla, Paella, Serano-Schinken usw.? Mmmhh! Wobei eine große Sehenswürdigkeit Madrids nicht unerwähnt bleiben sollte: »El Tigre«. Die von der Quadratmeterzahl kleine Tapas-Bar in Chueca erstaunt immer wieder damit, wie viele Menschen dort doch hineinpassen und die Tapas, die es gratis zum kleinen Bier (= caña) dazu gibt, machen ein bisschen süchtig.
Aber wenn man auf spanisches Essen gerade keine Lust hat, gibt es zum Glück immer noch den Lidl um die Ecke, der nicht besonders anders aussieht als bei uns. Was ich allerdings, typisch deutsch, sehr vermisst habe, war ein ordentliches Grau- oder Schwarzbrot. Es gibt hier zwar jede Menge gute Weißbrote, aber die hängen einem nach einer Weile doch aus dem Hals raus.
Floskeln hat man sehr schnell gelernt, auch wenn man noch keine richtige Diskussion auf Spanisch führen kann, kann man sehr schnell wie ein Spanier klingen, wenn man den Satz nur mit »Es que …« beginnt, öfter mal »tio« und »tia« einbaut und auch vor einem »joder« nicht zurückschreckt. Daran erkennt man auch die vielen Südamerikaner, die man so in Madrid trifft, denn ihre Floskeln klingen etwas anders.
Wenn es um Umgangsformen geht, wird mir wohl eine Sache am meisten im Gedächtnis bleiben: die Begrüßung. Egal, ob du jemanden gerade zufällig auf der Straße aus Höflichkeit vorgestellt kriegst oder es Dein bester Freund ist: Es wird mit zwei Küsschen auf die Wangen begrüßt, niemals mit Handschlag. Erst rechts, dann links. Am Anfang noch ungewohnt für Deutsche, aber ich glaube, wenn ich zurückkomme, wird es mir sehr merkwürdig vorkommen, nicht gleich jeden, den ich kenne, mit Küsschen zu begrüßen. Man hat dadurch jeden viel aufmerksamer begrüßt und dadurch auch kennen gelernt.
Wie war die Hilfestellung bzw. Betreuung nach der Ankunft vor Ort und bis zur Abreise?
Sehr gut. Ich war schon viel zu früh hier und dadurch am Anfang zwar etwas verloren, aber lange hielt das nicht an, denn durch das ESN hatte ich gleich einen Tutor, der mir nicht nur meine Fakultät gezeigt hat, sondern auch das Nachtleben in Madrid. Und nach dem Sprachkurs vor Anfang des Semesters war ich dann vollkommen in die Universität integriert. Man sollte ruhig etwas früher ankommen als man muss, um sich erst einmal zu akklimatisieren und eine Wohnung zu suchen und sich einzuleben.
Mit welcher Offenheit ist man Dir im Land als Ausländer begegnet und wie war es, Ausländer zu sein? Gab es Integrationsprobleme?
Ich persönlich antworte nicht gerne auf die Frage, woher kommst Du. Ich bin kein Patriot und kann Leute, die es sind, in der Regel nicht leiden. Doch als ERASMUS-Student gewöhnt man sich daran, denn man kriegt diese Frage täglich gestellt. Vor allem, wenn nach dem ersten Satz, den ich versuche, auf Spanisch zu sagen, klar wird, dass ich keine Spanierin bin und mir manchmal auch zugerufen wurde »Hübsche Blonde!«, obwohl ich definitiv keine blonden, sondern hellbraunen Haare habe und auf solche Zurufe auf der Straße sowieso gerne verzichtet hätte. Doch auch daran gewöhnt man sich in Spanien.
Wie ist Dein Blick auf Deine deutschen Mitbürger mit Migrationshintergrund und hat er sich seit Deiner Reise geändert?
Man lernt natürlich, sich mehr einzufühlen wie es ist, »Ausländer« zu sein. Man versteht, warum man es eventuell vorzieht, sich unter gleichsprachigen Menschen aufzuhalten und wie einfach es ist, sich damit komplett von den Einheimischen abzugrenzen. Doch ich würde sagen, der schwierigere Weg, bei dem man tatsächlich gezwungen ist, eine neue Sprache und Kultur zu lernen, macht am Ende mehr Spaß und ist für ERASMUS-Studenten ja auch der Grund, warum man in ein anderes Land gehen will.
Was waren Deine schönsten Erfahrungen (die Safari, sich in der Strandbar als Stammgast fühlen, das Gefühl eigenständig zu sein, die erlebte Unabhängigkeit, der Blick vom Berg etc.) und was Deine schlimmsten (Beziehungsbrüche, Kakerlaken, Überfälle von Krokodilen oder Kleindieben, Mord in der Nachbarschaft etc.)?
Mein Aufenthalt hier begann mit einer schwierigen und traurigen Trennung von meinem Freund, doch zeigte sich auch gleich das Gefühl der Freiheit, Unabhängigkeit, Selbstständigkeit, das ich schon lange dringend gebraucht habe und hier so sehr wie noch nie zu spüren bekam. Meine schönsten Erfahrungen hatte ich im Ausgehviertel Chueca. Und eine meiner schlimmsten ist nur die, die ich immer im Winter bekomme: die Erkältung. Insofern nichts allzu Schlimmes.
Planst Du einen erneuten Aufenthalt in diesem Land?
Ich plane jetzt schon mein nächstes Auslandssemester, bei dem ich ein Praktikum machen möchte, denn eigentlich war dieses Semester hier viel zu kurz. Doch es muss nicht Madrid sein und auch nicht unbedingt Spanien, auch wenn ich das Land und die Stadt liebe und bestimmt noch mal zu Besuch komme. Doch durch ERASMUS lernt man Leute aus Italien, Belgien, Frankreich, Holland, Dänemark, Finnland, Polen, Griechenland, der Türkei, England usw. kennen und abgesehen davon noch viele verschiedene Nord- und Südamerikaner. Und wenn man erst einmal die Menschen kennt, kann man es kaum noch abwarten, auch all diese interessanten Länder kennen zu lernen.
Vielen Dank für das Gespräch.
[Februar 2010]

Erstelle den ersten Kommentar