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Afrika für Anfänger

 

Das hatte ich irgendwo aufgeschnappt und jene Worte noch im Ohr, Neugier im Kopf und Reiselust im Bauch reichten für den Entschluss, mein Praxissemester im Ausland zu verbringen. Außerdem folgte ich schließlich der Satzung unserer Fakultät, in der eine Förderung des internationalen Bewusstseins ausdrücklich festgeschrieben steht. Der Ort meiner Wahl: Kapstadt, Südafrika. Land, Leute und Medien interessierten mich aus mehreren Gründen. Nachdem die ersten freien Wahlen 1994 der unsäglichen Apartheid endgültig den Gnadenstoß versetzten, wandelte sich auch die Medienlandschaft - Pressefreiheit und Demokratie sind in Südafrika ein junges Zwillingspaar. Mit dem Ende der staatlichen Kontrolle wuchsen ehemalige Widerstandsblätter, etwa »The Sowetan«, zu auflagenstarken Zeitungen heran. Wichtigstes Massenmedium im Land ist das Radio, die Vielfalt wächst auch bei den neuen Medien, etwa dem Internet. Weiterhin bietet ein Praktikum in Afrika die Gelegenheit, das Leben über den Tellerrand der ersten Welt hinaus zu betrachten. Die Kaprepublik ist ein Land auf der Schwelle und im Alltag in der »Wiege der Menschheit« blitzt dementsprechend beides durch: der wirtschaftliche Aufschwung und das Schicksal jener, die von diesen Errungenschaften nach wie vor abgekoppelt leben müssen.


Land der Gegensätze


Schon die rund 20-minütige Autofahrt vom Cape Town International Airport ins Stadtzentrum zeigt auf, warum Südafrika oft als »Land der Gegensätze« bezeichnet wird. Die überschaubare Zeitspanne gleicht einer Zeitraffer-Reise von einem Entwicklungs- in ein Industrieland. Die ärmlichen Wellblechhütten der »Squatter-Camps«, illegaler Stadtrand-Siedlungen, flankieren auf den ersten Kilometern die Strecke. Weiter geht es durch Townships und Vororte, bis letztlich die am Horizont auftauchende Wolkenkratzer-Skyline der City das nahende Fahrtziel ankündigt. Stets im Blickfeld: der Tafelberg. Das Wahrzeichen der Kapmetropole ist der Indikator dafür, dass es sich die ganze Zeit um ein und dieselbe Stadt handelt. Arm und Reich leben hier auf engem Raum nebeneinander, in den Straßen herrscht ein babylonisches Sprachgewirr. Es gibt elf offizielle Landessprachen, neben dem Englischen sind dies unter anderen Afrikaans, isiXhosa oder isiZulu. Abgerundet wird dies durch den breiten Fächer von Ethnien und Religionen, der sich in der »Regenbogennation« ausbreitet. Kontraste werden jedoch nicht nur in der Bevölkerung deutlich - alles in diesem Land scheint seinen Gegenpol zu besitzen. Südafrika hat Berge und gleich zwei Ozeane - den warmen Indischen und den kalten Atlantik. Es gibt fruchtbare Weinberge und öde Steppen sowie Urwälder und Wüsten.

»Afrika für Anfänger« nennt ein Arbeitskollege von mir das scherzhaft. Seine Begründung: In Afrikas größter Wirtschaftsmacht habe man sowohl westliche Einflüsse als auch afrikanische Wurzeln vor der Haustür. Der Arbeitsalltag in Kapstadt indes unterscheidet sich nicht großartig von dem in Hamburg - zumindest nicht in dem kleinen Magazin- und Buchverlag, in dem ich arbeite. Von »afrikanischer Gelassenheit« ist nicht viel zu spüren. Deadlines und Last-Minute-Änderungen bestimmen auch hier den Kurs, mancher Arbeitstag endet erst spät am Abend. Mein Aufgabengebiet ist dabei folgendermaßen definiert: Wo es brennt, muss ich ran. Recherche und Bildredaktion aber auch Webdesign und Layoutarbeiten bekomme ich zugewiesen. Ich weiß also nie so genau, was mich in der Folgewoche erwartet. Zum Glück sind die Kollegen wirklich froh über eine zusätzliche Arbeitskraft und positiv überrascht von meinem Ausbildungsstand. Daher begegnet man mir früh mit Vertrauen und überträgt mir eigenständige Tätigkeiten. Das bedeutet jedoch auch, dass auf sprachliche Barrieren und Unkenntnisse bezüglich Land und Strukturen aus Zeitmangel oft keine Rücksicht genommen wird. Im Vordergrund steht stets der termingerechte Projektabschluss. Dieser Schubser ins kalte Wasser stellt sich aber als der einzig richtige Weg heraus, die Hemmungen und Unsicherheiten abzubauen. Anfängliche Hürden werden immer kleiner, Sprache und Kultur immer vertrauter. Zumindest im Englischen. Wenn ein Anrufer Afrikaans spricht, muss ich den Hörer dann doch weiterreichen.


Lange Straße, Teufelsgipfel, Mutterstadt


Entspannender ist das Leben außerhalb der Bürotüren. In der City pulsiert das urbane Leben. Tagsüber lädt etwa der Hafen mit bunten Cafés und Bistros zum Relaxen ein, abends geht es auf die Longstreet, quasi ein Kapstädter Verwandter der Reeperbahn. Hat man davon genug, bieten die natürlichen Begebenheiten der Kaphalbinsel zahllose Ausweichmöglichkeiten. Ein Aufstieg auf den Devil’s Peak ist nur eine davon. Nimmt man die Mühe auf sich, den 1000 Meter hohen Nachbarn des Tafelberges zu erklimmen, wird man mit einem einmaligen 360-Grad-Ausblick auf die Kapmetropole belohnt. Mitten in der Stadt in den Wolken stehen und die Ruhe genießen, während einen Kilometer weiter unten das Leben tobt - wo sonst hat man das schon? Und das ist natürlich nicht alles. Surfen, Wandern, Wale beobachten oder mit Haien tauchen sind nur einige Alternativen, der Freizeitwert der Stadt ist unglaublich hoch.

Kapstadt wurde 1652 vom Holländer Jan van Riebeck gegründet. Es handelt sich um die erste Stadtgründung Südafrikas, was der Stadt den Beinamen »Mother City« einbrachte. Kapstadt hat seither einiges erlebt. Nicht zuletzt seit dem Ende der Apartheid und den ersten freien Wahlen 1994. Aktuell befindet sich Südafrika im Wirtschaftswachstum, die schwarze Mittelschicht wächst und sorgt für erfreuliche Wachstumsraten, etwa im Einzelhandel. Die anstehende FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft, die erste auf afrikanischem Boden, wirft ihre Schatten voraus und rückt das Land langsam in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Das erfüllt viele Südafrikaner mit Stolz, auch wenn die eher mäßig erfolgreiche Nationalmannschaft »Bafana Bafana« etwas im Glanz ihres Rugby-Pendants  »Springboks«, dem amtierenden Weltmeister, verblasst.


Kulturdefinierende Kriminalität


Doch wie eingangs erwähnt: Die weiße Weste hat dunkle Flecken. Es gibt eine Energiekrise, ständige Stromausfälle legen immer wieder ganze Stadtviertel lahm. Der staatliche Energieversorger ESCOM hat erst jüngst ein Team von 200 deutschen Technikern angeheuert, um Know-How zu gewinnen und die Probleme in den Griff zu bekommen. Die Preise für Öl und Nahrungsmittel steigen wie überall auf der Welt. Das trifft, wie immer, besonders die Menschen ganz unten hart. Die Arbeitslosenrate liegt bei ca. 25 Prozent, fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Es gibt eine erschreckend hohe Kriminalitätsrate, vor allem Raubüberfälle, Einbrüche und bewaffneter Autodiebstahl beschäftigen die Polizei. Letzterer wurde von der TV-Journalistin Hazel Friedman in ihrem Enthüllungsbuch »Hijack« gar als »kulturdefinierendes Verbrechen Südafrikas« bezeichnet. Das Elend vieler Menschen gipfelte zudem in hässlichen Szenen, als es im Mai 2008 zu fremdenfeindlichen Übergriffen gegen afrikanische Ausländer kam.

Gespräche mit Einheimischen fördern unterschiedliche Sichtweisen zutage.
Eine stammt von Lebo, einem Studenten, den ich morgens im Sammeltaxi auf dem Weg zur Arbeit kennen lerne. Aufgrund des quasi nicht vorhandenen Nahverkehrs sind diese Taxen neben dem eigenen Auto der einzige Weg, um in der Stadt von A nach B zu kommen. Und eine gute Gelegenheit, während der Fahrt Unterhaltungen mit den Mitfahrern zu führen. Lebo erklärt: »Es ist nicht so, dass es nur schlechte Stimmung gibt.« Viele Menschen setzen sich nach seinen Worten aktiv für eine Verbesserung der Lebensbedingungen ein und blicken positiv nach vorn. In den Townships, den Problemvierteln der Stadt, engagieren sich viele Menschen in Projekten, die zur Aufwertung der ärmeren Viertel beitragen sollen. Natürlich müsse man gerade in diesen Gegenden auch immer etwas vorsichtiger sein, unterm Strich überwiege jedoch die Gastfreundschaft und die Leute freuen sich, wenn man ihnen mit Interesse begegnet. Lebos Fazit: »Immerhin geht es hier seit 14 Jahren insgesamt ja eher nach oben.« Optimismus am Kap der guten Hoffnung. Eine andere Meinung hat Parkwächter Jay-Jay. Jay-Jay stammt eigentlich aus Simbabwe, genau wie Lebo hat auch er studiert. Das war bevor er sein Land aus politischen Gründen verlassen musste und in Kapstadt gelandet ist. Wie viele junge Arbeitslose verbringt er nun die Abende auf den Straßen der Stadt und verdingt sich als Parkwächter - sozusagen freiberuflich. Dabei fallen dann oft nur ein paar Rand ab, gerade genug zum Leben. »In meinem Viertel interessieren sich die Leute nicht für den anderen, jeder schaut, dass er durchkommt«, sagt mir Jay-Jay. »Manchmal gehe ich auf Leute zu und versuche mal wieder ein Gespräch zu führen. Und es tut gut, meinen Namen laut auszusprechen, um mich daran zu erinnern, dass ich noch einen habe.« Zwei Seiten einer Medaille.

Am Ende dieser Zeit auf der anderen Seite der Erde ziehe ich dasselbe Fazit, wie ich es schon zuvor in unzähligen Berichten dieser Art gelesen habe. Es sind unbezahlbare Erfahrungen, die ich von hier nach Hause mitnehme. Erfahrungen, die ich ein einem Praktikum in Deutschland so wohl nicht hätte machen können. Zu den Herausforderungen im Job gilt es noch die des Alltags zu bewältigen. Zum Beispiel in einem Land zurechtzukommen, in dem man keinen einzigen Menschen kennt und sich auf die Bedingungen der fremden Kultur einlassen muss. Ein Behördengang beispielsweise wird hier schnell zu einem Abenteuer. Man muss auf Menschen zugehen, Hemmungen fallen lassen und auch mal seinen eigenen Standpunkt überdenken. Dafür häuft man aber auch einen wertvollen und breiten Erfahrungsschatz an, der eben nicht nur fachlicher Natur ist.

[Juni 2008]

 

Das hatte ich irgendwo aufgeschnappt und jene Worte noch im Ohr, Neugier im Kopf und Reiselust im Bauch reichten für den Entschluss, mein Praxissemester im Ausland zu verbringen. Außerdem folgte ich schließlich der Satzung unserer Fakultät, in der eine Förderung des internationalen Bewusstseins ausdrücklich festgeschrieben steht. Der Ort meiner Wahl: Kapstadt, Südafrika. Land, Leute und Medien interessierten mich aus mehreren Gründen. Nachdem die ersten freien Wahlen 1994 der unsäglichen Apartheid endgültig den Gnadenstoß versetzten, wandelte sich auch die Medienlandschaft - Pressefreiheit und Demokratie sind in Südafrika ein junges Zwillingspaar. Mit dem Ende der staatlichen Kontrolle wuchsen ehemalige Widerstandsblätter, etwa »The Sowetan«, zu auflagenstarken Zeitungen heran. Wichtigstes Massenmedium im Land ist das Radio, die Vielfalt wächst auch bei den neuen Medien, etwa dem Internet. Weiterhin bietet ein Praktikum in Afrika die Gelegenheit, das Leben über den Tellerrand der ersten Welt hinaus zu betrachten. Die Kaprepublik ist ein Land auf der Schwelle und im Alltag in der »Wiege der Menschheit« blitzt dementsprechend beides durch: der wirtschaftliche Aufschwung und das Schicksal jener, die von diesen Errungenschaften nach wie vor abgekoppelt leben müssen.


Land der Gegensätze


Schon die rund 20-minütige Autofahrt vom Cape Town International Airport ins Stadtzentrum zeigt auf, warum Südafrika oft als »Land der Gegensätze« bezeichnet wird. Die überschaubare Zeitspanne gleicht einer Zeitraffer-Reise von einem Entwicklungs- in ein Industrieland. Die ärmlichen Wellblechhütten der »Squatter-Camps«, illegaler Stadtrand-Siedlungen, flankieren auf den ersten Kilometern die Strecke. Weiter geht es durch Townships und Vororte, bis letztlich die am Horizont auftauchende Wolkenkratzer-Skyline der City das nahende Fahrtziel ankündigt. Stets im Blickfeld: der Tafelberg. Das Wahrzeichen der Kapmetropole ist der Indikator dafür, dass es sich die ganze Zeit um ein und dieselbe Stadt handelt. Arm und Reich leben hier auf engem Raum nebeneinander, in den Straßen herrscht ein babylonisches Sprachgewirr. Es gibt elf offizielle Landessprachen, neben dem Englischen sind dies unter anderen Afrikaans, isiXhosa oder isiZulu. Abgerundet wird dies durch den breiten Fächer von Ethnien und Religionen, der sich in der »Regenbogennation« ausbreitet. Kontraste werden jedoch nicht nur in der Bevölkerung deutlich - alles in diesem Land scheint seinen Gegenpol zu besitzen. Südafrika hat Berge und gleich zwei Ozeane - den warmen Indischen und den kalten Atlantik. Es gibt fruchtbare Weinberge und öde Steppen sowie Urwälder und Wüsten.

»Afrika für Anfänger« nennt ein Arbeitskollege von mir das scherzhaft. Seine Begründung: In Afrikas größter Wirtschaftsmacht habe man sowohl westliche Einflüsse als auch afrikanische Wurzeln vor der Haustür. Der Arbeitsalltag in Kapstadt indes unterscheidet sich nicht großartig von dem in Hamburg - zumindest nicht in dem kleinen Magazin- und Buchverlag, in dem ich arbeite. Von »afrikanischer Gelassenheit« ist nicht viel zu spüren. Deadlines und Last-Minute-Änderungen bestimmen auch hier den Kurs, mancher Arbeitstag endet erst spät am Abend. Mein Aufgabengebiet ist dabei folgendermaßen definiert: Wo es brennt, muss ich ran. Recherche und Bildredaktion aber auch Webdesign und Layoutarbeiten bekomme ich zugewiesen. Ich weiß also nie so genau, was mich in der Folgewoche erwartet. Zum Glück sind die Kollegen wirklich froh über eine zusätzliche Arbeitskraft und positiv überrascht von meinem Ausbildungsstand. Daher begegnet man mir früh mit Vertrauen und überträgt mir eigenständige Tätigkeiten. Das bedeutet jedoch auch, dass auf sprachliche Barrieren und Unkenntnisse bezüglich Land und Strukturen aus Zeitmangel oft keine Rücksicht genommen wird. Im Vordergrund steht stets der termingerechte Projektabschluss. Dieser Schubser ins kalte Wasser stellt sich aber als der einzig richtige Weg heraus, die Hemmungen und Unsicherheiten abzubauen. Anfängliche Hürden werden immer kleiner, Sprache und Kultur immer vertrauter. Zumindest im Englischen. Wenn ein Anrufer Afrikaans spricht, muss ich den Hörer dann doch weiterreichen.


Lange Straße, Teufelsgipfel, Mutterstadt


Entspannender ist das Leben außerhalb der Bürotüren. In der City pulsiert das urbane Leben. Tagsüber lädt etwa der Hafen mit bunten Cafés und Bistros zum Relaxen ein, abends geht es auf die Longstreet, quasi ein Kapstädter Verwandter der Reeperbahn. Hat man davon genug, bieten die natürlichen Begebenheiten der Kaphalbinsel zahllose Ausweichmöglichkeiten. Ein Aufstieg auf den Devil’s Peak ist nur eine davon. Nimmt man die Mühe auf sich, den 1000 Meter hohen Nachbarn des Tafelberges zu erklimmen, wird man mit einem einmaligen 360-Grad-Ausblick auf die Kapmetropole belohnt. Mitten in der Stadt in den Wolken stehen und die Ruhe genießen, während einen Kilometer weiter unten das Leben tobt - wo sonst hat man das schon? Und das ist natürlich nicht alles. Surfen, Wandern, Wale beobachten oder mit Haien tauchen sind nur einige Alternativen, der Freizeitwert der Stadt ist unglaublich hoch.

Kapstadt wurde 1652 vom Holländer Jan van Riebeck gegründet. Es handelt sich um die erste Stadtgründung Südafrikas, was der Stadt den Beinamen »Mother City« einbrachte. Kapstadt hat seither einiges erlebt. Nicht zuletzt seit dem Ende der Apartheid und den ersten freien Wahlen 1994. Aktuell befindet sich Südafrika im Wirtschaftswachstum, die schwarze Mittelschicht wächst und sorgt für erfreuliche Wachstumsraten, etwa im Einzelhandel. Die anstehende FIFA-Fußball-Weltmeisterschaft, die erste auf afrikanischem Boden, wirft ihre Schatten voraus und rückt das Land langsam in den Fokus der Weltöffentlichkeit. Das erfüllt viele Südafrikaner mit Stolz, auch wenn die eher mäßig erfolgreiche Nationalmannschaft »Bafana Bafana« etwas im Glanz ihres Rugby-Pendants  »Springboks«, dem amtierenden Weltmeister, verblasst.


Kulturdefinierende Kriminalität


Doch wie eingangs erwähnt: Die weiße Weste hat dunkle Flecken. Es gibt eine Energiekrise, ständige Stromausfälle legen immer wieder ganze Stadtviertel lahm. Der staatliche Energieversorger ESCOM hat erst jüngst ein Team von 200 deutschen Technikern angeheuert, um Know-How zu gewinnen und die Probleme in den Griff zu bekommen. Die Preise für Öl und Nahrungsmittel steigen wie überall auf der Welt. Das trifft, wie immer, besonders die Menschen ganz unten hart. Die Arbeitslosenrate liegt bei ca. 25 Prozent, fast die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Es gibt eine erschreckend hohe Kriminalitätsrate, vor allem Raubüberfälle, Einbrüche und bewaffneter Autodiebstahl beschäftigen die Polizei. Letzterer wurde von der TV-Journalistin Hazel Friedman in ihrem Enthüllungsbuch »Hijack« gar als »kulturdefinierendes Verbrechen Südafrikas« bezeichnet. Das Elend vieler Menschen gipfelte zudem in hässlichen Szenen, als es im Mai 2008 zu fremdenfeindlichen Übergriffen gegen afrikanische Ausländer kam.

Gespräche mit Einheimischen fördern unterschiedliche Sichtweisen zutage.
Eine stammt von Lebo, einem Studenten, den ich morgens im Sammeltaxi auf dem Weg zur Arbeit kennen lerne. Aufgrund des quasi nicht vorhandenen Nahverkehrs sind diese Taxen neben dem eigenen Auto der einzige Weg, um in der Stadt von A nach B zu kommen. Und eine gute Gelegenheit, während der Fahrt Unterhaltungen mit den Mitfahrern zu führen. Lebo erklärt: »Es ist nicht so, dass es nur schlechte Stimmung gibt.« Viele Menschen setzen sich nach seinen Worten aktiv für eine Verbesserung der Lebensbedingungen ein und blicken positiv nach vorn. In den Townships, den Problemvierteln der Stadt, engagieren sich viele Menschen in Projekten, die zur Aufwertung der ärmeren Viertel beitragen sollen. Natürlich müsse man gerade in diesen Gegenden auch immer etwas vorsichtiger sein, unterm Strich überwiege jedoch die Gastfreundschaft und die Leute freuen sich, wenn man ihnen mit Interesse begegnet. Lebos Fazit: »Immerhin geht es hier seit 14 Jahren insgesamt ja eher nach oben.« Optimismus am Kap der guten Hoffnung. Eine andere Meinung hat Parkwächter Jay-Jay. Jay-Jay stammt eigentlich aus Simbabwe, genau wie Lebo hat auch er studiert. Das war bevor er sein Land aus politischen Gründen verlassen musste und in Kapstadt gelandet ist. Wie viele junge Arbeitslose verbringt er nun die Abende auf den Straßen der Stadt und verdingt sich als Parkwächter - sozusagen freiberuflich. Dabei fallen dann oft nur ein paar Rand ab, gerade genug zum Leben. »In meinem Viertel interessieren sich die Leute nicht für den anderen, jeder schaut, dass er durchkommt«, sagt mir Jay-Jay. »Manchmal gehe ich auf Leute zu und versuche mal wieder ein Gespräch zu führen. Und es tut gut, meinen Namen laut auszusprechen, um mich daran zu erinnern, dass ich noch einen habe.« Zwei Seiten einer Medaille.

Am Ende dieser Zeit auf der anderen Seite der Erde ziehe ich dasselbe Fazit, wie ich es schon zuvor in unzähligen Berichten dieser Art gelesen habe. Es sind unbezahlbare Erfahrungen, die ich von hier nach Hause mitnehme. Erfahrungen, die ich ein einem Praktikum in Deutschland so wohl nicht hätte machen können. Zu den Herausforderungen im Job gilt es noch die des Alltags zu bewältigen. Zum Beispiel in einem Land zurechtzukommen, in dem man keinen einzigen Menschen kennt und sich auf die Bedingungen der fremden Kultur einlassen muss. Ein Behördengang beispielsweise wird hier schnell zu einem Abenteuer. Man muss auf Menschen zugehen, Hemmungen fallen lassen und auch mal seinen eigenen Standpunkt überdenken. Dafür häuft man aber auch einen wertvollen und breiten Erfahrungsschatz an, der eben nicht nur fachlicher Natur ist.

[Juni 2008]

Fotos aus Kapstadt

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4 Kommentare

Sehr gut geschrieben!!! Ich habe mit Interesse Deinen Artikel gelesen und so einen Einblick in Dein Praktikum bekommen. L.G.
AntwortenAlwine Rösing 07. Jul 2008
Hey Patrick. Wunderbarer Artikel. Ich denke, dass Du viele neue Eindrücke mit nach Hause bringst. Wir freuen uns schon darauf, dass wir persönlich noch mehr erfahren, wenn Du wieder zurück bist. Alles Liebe aus Legden und einen guten Rückflug wünschen Dir Peter und Rita.
AntwortenRita Hoffmann 08. Jul 2008
Schön geschrieben! Vielen Dank auch für deine weiteren Tips per email!
AntwortenNils Balbach 31. Aug 2009
Hey Patrick. Wunderbarer Artikel. Ich denke, dass Du viele neue Eindrücke mit nach Hause bringst. Wir freuen uns schon darauf, dass wir persönlich noch mehr erfahren, wenn Du wieder zurück bist. Alles Liebe aus Legden und einen guten Rückflug wünschen Dir Peter und Rita.
AntwortenRita Hoffmann 06. Sep 2009
 

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