Das grollend ratternde Schnaufen, mit dem sie sich nähert, ist nicht zu überhören. Nicht einmal das Gewicht der zwei riesigen Fässer, die sie mit sich schleppt, bringt sie zum Schwanken. Sie selbst ist riesig, weit über zwei Meter groß und 34 Tonnen schwer. Pjad gehört zur Gattung T-55-T, von Berufswegen Bergepanzer im Ruhestand. Mit Schrittgeschwindigkeit wälzt sich Pjad nun auf dem Weg zum Halteplatz voran. Dabei umläuft eine Gleiskette im Uhrzeigersinn ihre Laufrollen. Jeden Bruchteil einer Sekunde wechselt eines der 91 Glieder, aus denen die Gleiskette besteht, von oben vorwärts nach unten rückwärts. In Panzerzeitlupe bohren sich die spitzen Führungszähne auf der Ketteninnenseite in die Lücken der Laufrollen, immer langsamer, bis der Kreislauf stillsteht. Pjad parkt.
Pjads Vergangenheit, ihr Leben vor dem Panzerhof, ist dunkel. Wie alle ihrer Artgenossen ist sie ein sowjetisches Wiegenkind des Kalten Kriegs. Irgendwann in den sechziger Jahren kam sie auf die Welt - ohne Kanone. Sie war nie von der aggressiven Sorte. Nützlich sollte sie sich machen, anderen aus der Patsche helfen, sie aus dem Schlammassel ziehen, in den sie sich hineinmanövrierten. Dafür bekam sie anstelle des Gefechtsturmes einen Kran. Ihre dicke Haut aus gewalztem, gehärteten Panzerstahl sollte gar atomaren Angriffen standhalten können.
Gesattelt ist Pjad mit einem großzügig federnden Ledersitz, mit dem sie ihren Piloten direkt unter der Einstiegsluke empfängt. Hier, am Fahrerplatz, offenbart sich ihr schmuckloses Innenleben. Pedale wie beim Auto: Kupplung, Bremse, Gas; und daneben die Schaltung für fünf Vorwärtsgänge und einen Rückwärtsgang. Zwei Lenkhebel, linkerhand für linksrum, rechterhand für rechtsrum. Eine Armatur mit Drehzahlmesser, Temperatur- und Druckanzeige erfordert die besondere Aufmerksamkeit des Fahrers. Denn Pjad gibt weder einen Warnton von sich, noch leuchtet ein rotes Lämpchen auf, wenn's kritisch wird. Sie ist darauf angewiesen, dass ihr Fahrer immer ein Auge auf ihre Werte hat. Sobald Pjads Luke geschlossen ist, dringt die Außenwelt nur noch durch zwei schmale, rechteckige Sichtschlitze in Augenhöhe hinein. Das reicht für den Fahrer nicht aus, um gleichzeitig zu steuern und selbstständig zu navigieren. Damit die Fahrbefehle des Kommandanten aber nicht ungehört von Pjads Rattern verschluckt werden, sind die Panzerhauben jedes Besatzungsmitglieds über ein Funkgerät miteinander verbunden. Die Kopfhörer sind schallisoliert, und das ist gut so. Denn hat der Fahrer es erst mal geschafft, den klobigen Widerstand der Gangschaltung zu überwinden und Pjad mittels Penetration ihres Gaspedals zur Anfahrt zu bewegen, müssen ungeschützte Ohren einiges aushalten: Das infernalische Heulen, mit dem sich Pjad in Gang setzt, ist ganz normales Panzerschnaufen und nimmt auch im Verlauf der Fahrt nicht ab. So wälzt sie sich voran, über egal welchen Untergrund hinüber. Bergauf keucht sie etwas mehr und gewährt ihrem Piloten nur noch den Blick in den Himmel. Soll sie die Richtung, beispielsweise nach rechts, wechseln, läuft folgendes Schema ab: Der Kommandant sagt »Rechts!«, wobei es Gepflogenheit ist, das R so lange zu rollen, dass der Fahrer den Lenkhebel meist schon gezogen hat, bevor das Wort überhaupt ausgesprochen ist. Anders als beim Schalten will Pjad aber nicht mit Gewalt, sondern, im Gegenteil, mit Feingefühl gelenkt werden. Rupft der Fahrer den Lenkhebel einfach hinter, reagiert sie erst gar nicht. Zieht er ihn aber sachte zu sich, rastet er butterweich ein und Pjad blockiert ihre rechte Kette. Mit der linken schraubt sie sich so um ihre eigene Achse, bis der Kommandant das Zeichen zum »Geradeaus!« gibt, der Fahrer den Lenkhebel wieder nach vorn drückt und Pjad ihren Weg auf beiden Ketten fortsetzen kann.
Dass sie heute noch ausgefahren und gepflegt wird, hat sie einer Fügung des Schicksals zu verdanken. Die letzte Station ihrer Karriere war die Nationale Volksarmee der DDR. Als diese dann ihr Ende gefunden hatte, kam auch Pjad an ihrer vermeintlichen Endstation, einem Zerlegungswerk in Tschechien, an. Ihre Rettung kam im Jahr 2002 in Gestalt der Panzerliebhaber Axel und Jörg Heyse. Statt rohstoffverträgliches Ableben sollte Pjad noch mal richtig aufblühen. Die Gebrüder Heyse nahmen sie mit ins brandenburgische Beerfelde und peppelten sie liebevoll auf. Dort blieb sie nicht lang allein. Es entstand ein ganzer Panzerhof, der neues Zuhause für mehrere T-55 und die etwas spritzigeren, aber kleineren BMP-Schützenpanzer wurde. Seit 2004 hat Pjad dort auch ihren zweiten Berufsweg eingeschlagen. In der Panzerfahrschule der Gebrüder Heyse zeigt sie Besuchern aus der ganzen Bundesrepublik, wie es ist, mit einem Verbrauch von dreihundert Litern und von bis zu zehn Zentimetern Panzerstahl umgeben durch die Pampa zu walzen. Wenn sie den Parcour gemeistert hat und langsam an den Halteplatz heranfährt, kann auch der Fahrer durch die Sichtschlitze erkennen, dass der Ausflug in die Welt der Militärriesen gleich zu Ende ist. Dann beruhigt sich Pjads ohrenbetäubender Fahrlärm wieder etwas und sie wartet ratternd auf ihren nächsten Gast.
[Mai 2008]
Weitere Infos gibt es hier: Homepage der Panzerkutscher

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