Schwül ist die Luft und verlassen der Platz. Eine Menge Autos parken vor dem Stadeum, doch es ist Sonntag, die Pforten sind verschlossen und keine Menschenseele in Sicht. Im kleinen halb einem Park, halb einer Terrasse anmutenden Außenbereich rechts um die Ecke neben dem Haupteingang sind dann doch vier Gestalten zu erspähen. Einer nach dem anderen springen sie aus dem Stand von einem einen Meter hohen Felsen ca. zwei Meter weit und landen mit dem Fußballen auf der Außenkante des künstlichen Kiesbetts. »Ein Präzisionssprung«, erklärt Josef und lächelt dabei. Er ist 19, mittelgroß, sonnengebräunt und vor allem eines: ungeheuer sportlich. Letzteres ist nicht zu übersehen, denn er steht dort mit freiem Oberkörper. Er hat sein braunes Haar zum Pferdeschwanz gebunden und schwitzt ein wenig. Bei ihm sind seine Freunde Alex, 22, Valeri, 17, und Jan, 19. Ihre Leidenschaft ist Parkour.

[Quelle: BombDog/Jon Lucas (Flickr)]

Der Franzose David Belle entwickelte diese Art sich möglichst effizient fortzubewegen. Parkour ist wie ein Hindernislauf, der die vorhandenen Barrieren im innerstädtischen Raum nutzt. Überwunden werden Mauern, Treppen, Lücken zwischen Häusern und eben alles, was zwischen dem Traceur, so nennen sich die Läufer selber, und seinem Weg steht. Die vier Jungs treffen sich regelmäßig in der Stader Innenstadt, hier am Stadeum oder eben irgendwo, wo es sich gerade anbietet. Die Brüstungen und Mauern am Stadeum seien jedoch sehr gut geeignet, um die meisten wichtigen Techniken zu trainieren, erklären sie. »Dieses Geländer haben sie nur für uns aufgestellt!«, sagt Alex, lacht und huscht mit einem Katzensprung darüber. Die drei anderen lassen nicht lange auf sich warten. Es handelt sich um einen Sprung aus dem Lauf, bei dem man in die Knie geht, sich vom Boden abstößt, die Beine dicht zur Brust zieht wie bei einer Hocke und so Hindernisse überwinden kann ohne sich mit den Händen abzustützen.

Die gewitterige Schwüle entlädt sich von einem Moment auf den anderen in einem mächtigen Platzregen. Die vier unterbrechen und stellen sich unter den Dachvorsprung. So könne das Training nicht weitergehen, denn Sicherheit gehe vor, sagen sie und auf den nassglatten Mauerflächen wären Verletzungen vorprogrammiert. Dieses Thema nehmen sie ernst, denn Josef hat sich vor zwei Jahren, ein Jahr nachdem er anfing zu trainieren, bei einem unvorsichtigen Trick einen komplizierten Trümmerbruch der Schulter zugezogen. Die Schrauben in seinem Schlüsselbein sind immer noch deutlich sichtbar. In einer Woche werden sie entfernt.

In der unfreiwilligen Pause sprechen die vier Nachwuchs-Traceure über ihr Trainingskonzept. Der eigentliche Lauf nimmt in ihrem Programm nur den kleinsten Teil der Zeit ein. Zweimal in der Woche treffen sie sich zum Krafttraining, bei dem ohne zusätzliche Beschwerung, nur mit Hilfe des eigenen Körpergewichtes gearbeitet wird. Das hätte schon viele abgeschreckt, die mal versucht haben mitzumachen, erzählen sie, doch es sei unbedingte Voraussetzung, um seinen Körper in die Lage zu versetzen, die Techniken zu erlernen. Was die Jungs behaupten, spiegelt sich in ihren muskulösen, aber drahtigen Staturen. Einmal die Woche kommen sie zum eigentlichen Parkour-Laufen zusammen, »... aber nebenbei gehen wir natürlich noch schwimmen und joggen ...«, ergänzt Alex. Kontakt zu anderen Parkour-Gruppen haben sie keinen. Wie Josef berichtet, haben sie sich angesehen, was Gleichgesinnte in Hamburg machen, doch »die trainieren wie wir vor 2 Jahren«. Seiner Meinung nach steckten sie zu wenig Zeit in Vorbereitung und Kraftaufbau. Außerdem nähmen sie sich zu hohe Hindernisse vor, die sie noch nicht bewältigen könnten und agierten nicht aus dem Lauf heraus, sondern gingen eins nach dem anderen ab. »Für uns steht der Fluchtgedanke im Lauf im Vordergrund«, fügt Alex hinzu. Darum ginge es doch im Parkour, sind sich alle einig.

Mittlerweile hat der Regen aufgehört und die Sonne strahlt. Es ist heiß, die Luft noch feuchter als zuvor. Die geschliffenen Mauervorsprünge sind durch das Wasser spiegelglatt. Um noch ein paar Läufe absolvieren zu können, bearbeiten die vier die Oberseiten erst mit einem Fensterabzieher und anschließend mit ihren eigenen T-Shirts. Nach einigen Minuten schafft es die Gruppe, einen ungefähr 15 Meter langen, geknickten Mauerabschnitt trocken zu bekommen. Jetzt laufen sie los. Erst Josef, dann Alex, gefolgt von Valeri und Jan. Einer nach dem anderen fliegen sie seitlich, frontal in der Hocke oder mittels einer Rolle über die Hindernisse, um sich gleich danach an anderer Stelle mit schierer Muskelkraft wieder empor zu drücken. In beeindruckender Leichtigkeit bewegen sie sich im Kreis immer wieder über den vorbereiteten Mauerabschnitt hinweg. Als Alex auf einer noch nassen Stelle aufkommt, gleitet er ab, taumelt, aber fängt sich dann doch noch in letzter Sekunde. Die anderen halten inne und überzeugen sich, dass alles in Ordnung ist. Nichts ist passiert, doch ist das Training jetzt erst einmal vorbei. Bei aller Leichtigkeit vergisst der Beobachter die Gefahr, die hinter den Übungen steckt. Doch sind sich alle einig: Sicherheit geht vor!

[Oktober 2009]



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