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info-parkour.de | Magazin zur Campus-Kulturgenese | gefördert durch die Fakultät für Design, Medien und Information und die HAW Hamburg

DMI-Kinder

[D] Céline, 27 Jahre, Modedesign: Sohn Jael, 4 Jahre

Erstes Telefonat mit Modedesignstudentin Céline: »Woran kann ich Dich erkennen?« - »Ich bin dünn, Brillenträger und habe längere blonde Haare«, macht der Redakteur etwas vage Angaben, »Und Du?« - »Mich identifizierst Du leicht. Ich bin im vierten Monat!« Und tatsächlich, als Céline das Café betritt, zeichnet sich unter ihrem beigen Trenchcoat ein kleiner Bauch ab.

Céline ist Mutter eines vierjährigen Sohnes, verheiratet und schwanger. Seit sechs Semestern studiert sie Modedesign an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften (HAW). Mit 27 Jahren ist sie deutlich jünger als andere Studenten mit Kind an der Fakultät DMI. Im Durchschnitt sind diese 32 Jahre alt. Ort der Begegnung ist Hamburg Altona. Dort wohnt Céline mit ihrem Mann Daniel. Ihr Sohn Jael ist zum Zeitpunkt des Treffens bei einer Tagesmutter untergebracht. Die hat wahrscheinlich gerade viel zu tun. Der vierjährige Knirps sei ein »energiegeladenes Kind, sehr impulsiv und voller Action« berichtet Céline. »Der ist andauernd in Bewegung, auf dem Spielplatz muss ich immer hinter ihm her rennen. Langweilig ist das mit dem nicht.«

[Jael]

Vor ihrer Studienzeit an der Armgartstraße war sie als Schneiderin an der Staatsoper engagiert. Céline bekam Jael ein Jahr bevor sie begann, Modedesign zu studieren. Seitdem hat sie nie ein Urlaubssemester nehmen müssen. Mit ihren Kommilitonen hält die Mutter locker mit. Wie ihre Mitstudenten hat sie im vierten Semester ihr Vordiplom gemacht. »Ich habe nie gefragt, ob ich mehr Zeit haben kann. Entweder ich schaffe die Aufgaben oder nicht. Aber ich habe nie mein Kind als Grund für irgendetwas vorgeschoben. Bemitleidet werden möchte ich nämlich nicht. Da gibt es ja auch gar nichts zu bemitleiden!«

Das Ziel ihres Studiums ist der Abschluss Diplom. Für Céline ein klarer Vorteil. »Ich glaube, dass für Bachelor-Studenten ein Studium mit Kind etwas schwieriger ist. Die haben ja Anwesenheitspflicht, beim Diplom kann ich mir alles viel freier einteilen.« Trotz dieser Freiheiten sei ihr Studienalltag manchmal stressig gewesen. Häufig war sie bis tief in die Nacht beschäftigt, um Arbeiten für die Hochschule rechtzeitig abzugeben. Sie ist glücklich, dass sie bisher alles so gut geschafft hat. Und das mit der Dreifachbelastung von Studium, Nebenjob und einem Kind.

Doch bei einem Kind bleibt es nicht. Ihr Sohn Jael wird in fünf Monaten ein Geschwisterchen bekommen. »Ich bin gespannt, wie es ist mit zwei Kindern. Das wird noch mal komplett anders. Aber ich lass alles auf mich zukommen, planen kann ich da ja eh nicht«, sagt Céline. Planen kann die Modedesignstudentin nicht, aber der Wille ist da. Sie strebt an, ihr Studium in jedem Fall zu beenden. »Ich könnte nicht auf einmal aufhören.« In diesem Semester hat die junge Mutter noch zwei Kurse belegt. Schnittgestaltung und Modezeichnen. Da wisse sie, dass der Zeitaufwand für sie nicht allzu groß wird. Falls sie im nächsten Studienjahr nur einen Kurs belegen kann, sei sie nicht allzu enttäuscht. »Dann ist das eben so.«

In jedem Fall wird Céline bis auf Weiteres genug zu tun haben. Zwei Kinder aufziehen, weiter studieren, Diplom machen, Job suchen, arbeiten. Wird da eigentlich genug Raum für sie selbst bleiben? »Ich habe nie darauf verzichtet, mir Zeit für mich zu nehmen. Weil ich weiß, dass ich diese ganz dringend brauche. Ansonsten würde ich durchdrehen.«

Bei Kai ist man geneigt zu denken, genau das könne passieren. Angesichts des Tempos, das der manchmal vorlegt ...

[M] Kai, 34 Jahre, Medientechnik: Tochter Romy, 1 Jahr

Um sieben geht‘s los. Romy wacht auf. Es wird ein bisschen gespielt. Dann Frühstück, Romy fertig machen, ab in die Kita. Danach zur HAW, Projekt besprechen, Vorlesungen, Telefonate für Messedrehs und Equipment vorbereiten. Romy wieder abholen, essen, spielen und Abends noch zum Nebenjob ins Studio Hamburg.

So oder ähnlich bestreitet Medientechnikstudent Kai einen normalen Wochentag. Der 34-Jährige wohnt zusammen mit seiner Freundin Melanie und ihrer gemeinsamen Tochter Romy auf St. Pauli. Ein persönliches Gespräch mit Kai zwischen Parkfiction und Schanzenpiazza? - Schwierig. Nach mehreren Anfragen gibt es den gemeinsamen Plausch nur im virtuellen Raum. Fragen werden per E-Mail geklärt. Der Grund dafür leuchtet ein. Kind, Studium und Job lassen andere Termine kaum zu. Zumal Kai vor Kurzem zusammen mit seiner Freundin eine Produktionsfirma für Messe- und Imagefilme gegründet hat. Die Zeit, die da persönlich für ihn bleibt »hält sich in einem sehr überschaubaren Rahmen«.

[Romy]

Als Romy vor eineinhalb Jahren zur Welt kam, stand Kai mitten im Studium. Vorher arbeitete er bereits als selbständiger Set-Designer für Fernsehproduktionen. Da beide Eltern auch heute Freiberufler sind, erfordert die Erziehung gute Absprachen. In die Vorlesung hat Kai seine Tochter noch nicht mitgenommen. Er glaubt, das würde nicht lange funktionieren. Es hätte aber schon Veranstaltungen gegeben, wo er keine andere Möglichkeit sah, als Romy einfach mitzunehmen. Bei der Preisverleihung für eines seiner Projekte war seine Tochter auch anwesend. »Ging nicht anders. Bisher haben aber alle recht herzlich darauf reagiert.«

Seit Kurzem geht Romy in die Kita. Das sorgt für ein wenig Entlastung. Trotzdem ist bereits von Anfang an absehbar gewesen, dass sich Kais Studium durch das Kind verlängern würde. »Der Geburtstermin war am Tag einer Präsentation, für die ich einen Schein gekriegt hätte. Das musste ich dann halt nachholen.« Bestimmungen, die das möglich machen, finden sich im Hamburger Hochschulgesetz. Auf Antrag müssen für Mutterschutz und Elternzeit Prüfungstermine verschoben und Bearbeitungszeiten für Hausarbeiten verlängert werden.

Dass die Geburt seiner Tochter für Kai trotzdem im richtigen Moment kam, daran lässt er keinen Zweifel. »Wahrscheinlich gibt es nie den Zeitpunkt, an dem man sagen kann: Jetzt ist alles bereit. Beruflich, privat oder sonst wie. Wenn es passiert, ist es gut, und man kriegt das immer geregelt.« Unterstützung beim »Regeln« kann von verschiedenen Seiten in Anspruch genommen werden. Das Gleichstellungsreferat beim AStA, das Studierendenwerk oder die Uni-Eltern sind Anlaufstellen, die Studenten mit Kind weiterhelfen. Kai hat noch keine dieser Institutionen aufgesucht. Um sein Kind zu finanzieren, arbeitet er neben dem Studium und bezieht Elterngeld. »Manchmal helfen auch die Großeltern mit.«

Dass seit den neuen Studiengebühren eine zusätzliche finanzielle Belastung auf ihn zukommt, bringt Kai mit einer prägnanten Formulierung auf den Punkt: »Große Scheiße.« Studenten mit Kind sind nicht mehr grundsätzlich befreit. Solange sie in der Regelstudienzeit plus zwei Semester liegen, müssen sie zahlen. Nur wenn diese Zeit überschritten ist, können auf Antrag vor Beginn des Semesters die Gebühren erlassen werden.

Für die Zukunft wünscht sich Kai, die Arbeit in der neu gegründeten Firma immer so einzuteilen, dass genug Zeit für Romy bleibt. Für ihn ist es wichtig, zu sehen, wie seine Tochter aufwächst. Einiges habe sich durch Romy verändert. Nicht zuletzt seine Sichtweise auf bestimmte Dinge. Er habe völlig andere Prioritäten in seinem Tagesablauf. Außer Frage steht, dass ein Leben ohne Romy nicht mehr vorstellbar wäre. »Ich empfinde es wirklich als enorme Bereicherung.«

Demnächst beginnt Kai seine Diplomarbeit. Er ist froh, bald sein Studium abzuschließen, um die Anzahl der »offenen Baustellen« zu verringern. Eines aber ist klar, Romy kommt an erster Stelle. »Der Rest kann sich hinten anstellen.«

Auch hinter Carl bildet sich vermutlich bald eine längere Schlange ...

[I] Claudia, 31 Jahre, Medien und Information: Sohn Carl, 4 Monate

»Mutter, mir fällt da noch was ein, das mit dem Brei gestern war irgendwie uncool!« Claudia spekuliert, dass ihr Sohn Carl vergangene Nacht so etwas Ähnliches mitzuteilen versuchte. Carl ist kein quengeliges Kind. Doch es gibt einfach schon so viele Dinge, über die er sprechen möchte. Das muss dann auch mal um drei Uhr morgens sein. Mit vier Monaten fehlt ihm noch das entsprechende Vokabular. Sein Sendebedürfnis hat zur Folge, dass die Medien-und-Information-Studentin in manchen Nächten nicht ausreichend Schlaf findet. Ein wenig müde ist Claudia auch heute, bei einem Besuch in Pregnant Hill. So bezeichnet die 31-Jährige ihr Wohnviertel Altona, von dem sie glaubt, dass dort besonders viele schwangere Frauen leben.

Seit zwei Jahren wohnt sie hier mit ihrem Freund Jan in einer schönen Altbauwohnung. Die ist so groß, dass hier eigentlich mehr als zwei Menschen leben könnten. Seit dem 11. Juli 2008 ist die Nutzung der Wohnfläche optimiert. Es gab Zuwachs. Carl Gustav, bei der Geburt 3410 g schwer, 53 cm groß, erblickte das Licht der Welt. Etwas holprig begann sein Start ins Leben. Per Notkaiserschnitt wurde er geboren und musste gleich eine Woche auf die Intensivstation. Anschließend verbrachte Carl noch ein paar Tage im Kinderkrankenhaus, bevor er endlich nach Hause konnte.

[Carl]

Jetzt döst er in der gemütlichen Küche auf einem Tisch. Claudia muss beim Betreten des Raumes kurz auf ihren Filius aufmerksam machen. Der liegt so friedlich da, dass seine Anwesenheit fast übersehen wird. Der Name Carl kann auch als Synonym für Entspannung verwendet werden. »Mit ihm verbringe ich jetzt den ganzen Tag mit einem Menschen, der ausschließlich schläft und lacht. Das ist unglaublich schön. Aber es ist schon etwas anderes als jeden Tag um halb sieben aufzustehen, schnell zur Arbeit zu fahren, anschließend zu studieren und sich danach noch mit Freunden zu treffen.«

Vor der Geburt ihres Sprösslings studierte Claudia emsig, nebenbei arbeitete sie als Grafikerin für die Tochterfirma eines großen Versandhandelunternehmens. Dort habe sie beobachtet, wie manche ihrer Kollegen gegen Abend immer wieder zum Telefonhörer greifen, um den Nachkömmlingen Gute Nacht zu sagen. »Die haben ja wirklich nix voneinander. Da sehe ich das schon als Vorteil, dass ich Carl jetzt mitten im Studium bekommen habe. Da ist er halt bei mir, wenn ich lerne, anstatt dass ich im Büro bin.«

Bis zum sechsten Monat der Schwangerschaft hatte Claudia noch studiert. Danach nahm sie sich ein Urlaubssemester. Und das während eines Studienhalbjahres, bei dem eigentlich praktische Erfahrungen gesammelt werden sollten - dem Praxissemester. »Irgendwie war es schwierig, sich hochschwanger für ein Praktikum zu bewerben. Geschweige denn jemanden zu finden, der einen im sechsten Monat einstellen würde.« In diesem Semester hat die Studentin eigentlich vor, zumindest ein oder zwei Kurse zu besuchen. Problem: Carl ist mit vier Monaten noch zu jung, um ihn Fremden anzuvertrauen. Die Familien beider Elternteile leben nicht in Hamburg. Alle Freunde sind berufstätig und können auf Carl nur abends aufpassen. Die meisten Lehrveranstaltungen sind aber vormittags. Claudia gibt sich enttäuscht darüber: »Ich hatte einfach gehofft, dass es mehr Kurse gibt, die abends oder nachmittags stattfinden«, seufzt sie.

Da meldet sich zum ersten Mal Carl vorsichtig vom Küchentisch aus zu Wort. Sanft seufzt er mit. »Hey, ist Dir langweilig? Ja?«, fragt Claudia. Der schenkt seiner Mutter nur ein müdes Lächeln. Carl fühlt sich sichtlich wohl. Die ihm mittlerweile vertraute Umgebung wird er bald zeitweise verlassen müssen. Für Carl möchte Claudia demnächst eine Betreuung finden, damit sie spätestens im nächsten Semester wieder Vollzeit studieren kann. Die Suche nach einer geeigneten Kindertagesstätte ist gar nicht so einfach. »In zwei Jahren kann es vielleicht klappen mit einem Platz, wurde mir dort gesagt. Ich könne ja nach Barmbek fahren, war da auch so ein Vorschlag. Das wäre so sinnlos. Ich habe doch mindestens drei Kitas vor der Tür!«

Claudia kann in Hamburg aus über 170 Kitas wählen. Ein wichtiges Kriterium bei dieser Wahl ist der Standort. In ihrem Fall Altona. Schon frühzeitig meldete die Mutter ihr Kind bei so einer Betreuungsstätte in näherer Umgebung an. Damals war sie in der sechsten Woche schwanger. Bis heute hat sie keine Zusage. Bessere Chancen auf einen Platz hat Claudia bei den Kindertagesstätten des Hamburger Studierendenwerks. Drei solcher Einrichtungen befinden sich auf dem Campus der Universität Hamburg. Rund 180 Kinder können dort insgesamt betreut werden. Studierende Eltern werden hier bei der Kitaplatz-Vergabe bevorzugt. »Insgesamt gibt es einfach zu wenig KITA-Plätze in Hamburg«, sagt Sozialarbeiterin Nadine Siemens vom Studierendenwerk, »aber wir plädieren stark für den Ausbau dieser Betreuungsmöglichkeiten. Deswegen wird es auch 2009, spätestens 2010, eine Kita am Berliner Tor geben.« Studenten der HAW würden dann ihre Kinder in unmittelbarer Nähe zum Universitätsgelände in Obhut bringen können.

Auch Claudia hatte frühzeitig einen Sozialberater des Studierendenwerks konsultiert. Kurz nachdem sie erfuhr, dass sie schwanger war, wollte sie ihre finanziellen Ansprüche eruieren. Dieser Weg habe sich damals gelohnt, erzählt sie. Vollgepumpt mit hilfreichen Informationen sei sie gewesen, als sie das Gebäude am Von-Melle-Park wieder verlässt. »Wir gehen mit den Studenten Schritt für Schritt eine Art Checkliste durch. Dann gehen die Eltern aus der Beratung mit einem maßgeschneiderten Plan, der ihnen aufzeigt, welche Ansprüche auf Sozialleistungen sie haben. Und welche Institutionen sie anlaufen müssen.«

Sich im Hamburger Behördendschungel zurechtzufinden, ist nicht ganz einfach. Da muss Elterngeld beim Bezirksamt beantragt werden, Kindergeld bei der Agentur für Arbeit, Wohngeld beim Einwohneramt. Angesichts dieser vielen Wege macht sich schnell Verdruss breit. Doch das Studierendenwerk schafft laut Siemens Anreize: »Wir wollen die jungen Eltern motivieren, unterstützen und informieren. Es ist sicherlich anders, mit Kind zu studieren. Aber es ist zu schaffen. Und es schaffen auch die meisten.«

[November 2008]

1 Kommentar

Sehr schöne Berichte!

Für weitere Infos über die familiengerechte Hochschule HAW Hamburg sehen Sie bitte unter http://www.haw-hamburg.de/familie.html nach bzw. sprechen sie mich direkt an:
daniela.Doleschall {ÄT} haw-hamburg.de
Telefon: 428 75 9046

Viele Grüße
Daniela Doleschall
AntwortenDaniela Doleschall 25. Nov 2008
 

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