In Neotopia besitzen alle Menschen gleich viel, wie entstand die Idee?
M Ich habe an der Hochschule Luzern, Design & Kunst in der Fachklasse Grafik meine Ausbildung gemacht und das Thema der Abschlussarbeit war Uniform. Da läufst du durch die Stadt und merkst, dass alles uniformiert ist, die Architektur, die Typografie, die Dosen im Supermarkt, alles ist uniform. Irgendwie kam ich dann auf die Idee, die Welt zu verteilen, also die Welt uniform zu machen. Ich bin das ganz groß angegangen und wollte gleich alles global uniformieren, also verteilen.
Und ist es Deiner Meinung nach keine sozialkritische Arbeit?
M Doch, find ich schon. Also ich habe mich sehr stark damit auseinandergesetzt und beispielsweise alle Religionen gleichmäßig auf alle Menschen verteilt. Ich habe den Anspruch, dass ich die ganze Welt aufteile, ein Überstülpen auf alle Kulturen. Es ist eine sehr westliche Sicht, die ganze Materialität zu verteilen. Für andere Kulturen hat das Materielle ja nichts mit Gerechtigkeit zu tun. Das ist das kulturkritische daran, dass man sich selber einen Gedanken dazu machen muss.
Wäre eine Welt ohne Geld möglich?
M Unvorstellbar! Es geht ja um Austausch und Geld ist der gemeinsame Nenner, mit dem wir unsere Arbeiten bewerten und messen können. Also ich als Grafikerin könnte ja gar nicht überleben ohne Geld. Und Aristoteles sagt …
A … es gäbe gar keinen Austausch von Dienstleistung und Arbeit ohne Geld. Das Ganze muss ja gemessen werden. Ich geh mal in der Zeit etwas zurück: Wenn ich eine Tierhaut anpreisen möchte, brauche ich eine gewisse Einheit, in der ich den Wert erfassen kann, damit ich einen ebenbürtigen Gegenwert bekomme. Aristoteles sagt, darum sei Geld in die Welt gekommen. Ein gemeinsamer Nenner, durch den erst Gerechtigkeit entsteht. Geld ist eigentlich eine Grundeinheit, die den Austausch ermöglicht. Per Definition noch frei von jeglicher Schuld und Unschuld. Wenn man es so begreift, ist auch bereits die antimoralische Dimension, die man dem Geld unterlegt, eine Form, in der man das Geld zur Moral macht. Genauso wenn man alles nur noch auf Geld aufbaut und die Moral damit abstirbt. Und darin muss auch irgendwie die Chance liegen, dass man Geld wieder als Grundeinheit versteht.
Was bringt uns Geld denn?
M Für mich hat Geld sehr viel mit Ordnung zu tun. Geld ist in Einheiten aufgeteilt und ich denke, heute ist die ganze Welt in Einheiten eingeteilt. Das Geld wegzudenken, würde zum Zusammenbruch führen. Das ist der Link zu Neotopia, das auch in Einheiten aufteilt. Vielleicht nicht unbedingt mit Geld, aber in einer noch radikaleren Art: Jeder bekommt genau gleich viel von allem. Und zwar nach Menge, nicht danach, was man eigentlich möchte. Geld macht nicht glücklich und Neotopia macht die meisten auch nicht glücklich, denn das große Glück lässt sich nicht in Einheiten kategorisieren.
Jetzt entwerft Ihr die Banknoten für die sehr reiche Schweiz. Gab es irgendeinen Moralkonflikt bei Euch?
M Als die alten Noten in Umlauf kamen, da war ich gerade im ersten Jahr in der Grafik. Da dachte ich: Ja, schon schön, aber ich hätte keine Lust, Noten zu gestalten, ich möchte einen kulturkritischen oder sozialen Beitrag leisten. Und jetzt habe ich mich dann in dieser Situation wieder gefunden.
A Für mich ist das eine Frage, die ich mir auch schon früher gestellt habe: Bin ich systemtreu, bin ich nicht systemtreu oder ist es überhaupt möglich, gegen das System zu arbeiten - ist Anarchie nicht auch bloß eine Form des »Im-System-Bestehens«? Lebt man, indem man verneint, jedoch in den Fängen des Verneinten bleibt und den eigenen Lebensentwurf nur noch über das Negierte definiert, oder indem man einfach hingeht, den Trottel spielt und an den entscheidenden Stellen das Zahnrad in die andere Richtung dreht - Sand ins Getriebe streut. Man kann sich vielerlei Fragen stellen, aber gerade wenn jemand dem System gegenüber Skrupel hat, ist er genau die richtige Person für die Position, weil sie sonst jemand anders übernimmt.
M Es waren ja zwei Wettbewerbsrunden und ich glaube, wir haben gezeigt, dass wir uns mit dieser Frage auseinandergesetzt haben. Die Nationalbank hat auch gespürt, dass sich da jemand mit einem kritischen Blick Gedanken gemacht hat.
Gefallen Euch die aktuellen Schweizer Banknoten?
M Ich finde sie im Vergleich dazu, wie sonst Geld gestaltet wird, sehr schön. Geld ist eigentlich so etwas Konservatives und da es meistens auch so behandelt wird, versucht die Schweiz, das ein wenig anders zu denken. Das spüre ich auch bei der bisherigen Arbeit. Das ist nicht das Geld für irgendein Land, das ist schon das Geld für die Schweiz. Nicht nur weil sie viel Geld hat, sondern weil sie das Bargeld wertschätzt und viel in Forschung und Umsetzung investiert. Allein dass der ganze Prozess so lange dauern kann, hat viel mit Geld zu tun.
Du sagst, es sei schon speziell, für die Schweiz Geld zu designen und ich frage mich, ob man den Job nur einmal im Leben macht. Könntest Du Dich darauf spezialisieren und für ein anderes Land Banknoten entwerfen?
M Könnte ich mir gut vorstellen. Wenn man dann die Ausdauer noch hat.
A Aber man muss sich tief in das Land einarbeiten.
M Das wäre ja das Spannende. Die ganze Auseinandersetzung mit dem Land, mit den Leuten, mit dem Auftraggeber.
Wie kommt man zu so einem Auftrag?
M Es wurden zwölf Designer eingeladen. Es wurde darauf geachtet, dass die Leute nicht zu alt sind und schon Erfahrung haben. Sie haben keine Grafikbüros eingeladen, sondern Einzelpersonen.
Und dann?
M Die zwölf hatten ein halbes Jahr Zeit für die Entwürfe, eine externe Jury bewertete die Entwürfe und wählte die besten drei aus. Die zweite Runde dauerte ein ganzes Jahr, in dem wir schon näher mit der Nationalbank und der Druckerei zusammengearbeitet haben.
Und was war Euch besonders wichtig, als Ihr mit der Aufgabe begonnen habt?
M Die Nationalbank hat Themen vorgegeben, die auf einer Note abgebildet werden sollten. Aber wie man diese Themen mit der Schweiz und mit Geld zusammenbringt, was man wie zeigen kann und sagen will, war sehr offen und kann man auf ganz verschiedene Arten angehen. Mit welchen Bildern kann man zeigen, was man sagen will? Das war die größte Herausforderung.
Und die endgültigen Scheine werden durch die Änderungswünsche der Nationalbank anders ausschauen als Deine ersten Entwürfe ...
M Höchstwahrscheinlich.
Was ist das Besondere des Gelddesigns?
M Es geht darum, etwas für jedermann zu gestalten. Die ganze Bevölkerung muss dazu stehen. Es ist nichts, was zwei Wochen an der Straße hängt und dann wieder runterkommt, sondern es muss 15 Jahre eine Aktualität oder eben keine Aktualität haben.
Habt ihr Euch von anderen Geldscheinen der Welt inspirieren lassen?
M Es gibt die nostalgischen Noten, die ich sehr spannend finde, mit schönen Details, wo der Aufbau auch ganz anders gedacht ist. Die wirken durch den Kupferstich sehr alt und weil sie von der Zeit erzählen, haben die eine Faszination.
Wie lange arbeitet Ihr an Euren Noten?
M Eigentlich immer! In den ersten zwei Runden, den ersten zwei Jahren also, haben wir vorwiegend zu zweit daran gearbeitet. Seit dem Sommer 2007 habe ich ein Büro in Zürich mit anfangs zwei Mitarbeiterinnen, mittlerweile sind es bereits drei Mitarbeiterinnen und ein Mitarbeiter, welche an dem Projekt arbeiten. Adrian unterstützt mich weiterhin im Konzeptionellen, er hat nebenbei ein Philosophiestudium in Angriff genommen und somit seine Tätigkeit an der Geldgestaltung auf das für ihn Wesentliche reduziert.
Und Ihr könnt jetzt gut davon leben?
Beide Ja.
Ab 2010 werdet Ihr dann mit Euren ersten selbst gestalteten Geldscheinen bezahlen!
M Wahrscheinlich glaubt man dem Geld gar nicht, dass es diesen Wert hat. Oder man denkt, das ist doch viel mehr wert, weil so viel Arbeit drinsteckt. Der Wert wird für uns schon ein anderer sein.
Und habt Ihr schon eine Idee, was Ihr Euch von Eurem Geld kaufen wollt?
Beide Urlaub!
[September 2008]
Weitere Infos gibt es hier: Homepage der NICHT JETZT!

Erstelle den ersten Kommentar