Susannenstraße. Die S-Bahn dröhnt noch in den Ohren. Ein kleiner Junge fällt auf. Sein Gesichtsausdruck lässt erkennen, dass ihn etwas bedrückt. Zusammengekauert sitzt er auf einer Kanonenkugel mit brennender Zündschnur. Seinen Kopf mit beiden Händen stützend, schaut er fünf Meter tief ins Bodenlose. Aufstehen oder gar springen wird er jedoch nicht. Der Junge ist nicht real. Er ist nur Schablonen-Graffiti mit einem tieferen Sinn wie viele in der Schanze.

Auf dem Weg zur Roten Flora tummeln sich eine ganze Reihe anderer einzigartiger Kunstwerke die Straßen und Hinterhöfe entlang – mal einfarbig oder schwarz-weiß, mal in knallbunten Farben. Verkehrsschilder, Mülleimer, Hauswände oder Laternenpfähle halten dabei als Leinwände her. Die Kunst kommt als Papierposter, Schablonen-Graffiti, Kachel und Sticker daher. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt.

[Quelle: Herr Bert/Tine Steiss (Flickr)]

Was begrenzt ist, sind die Motive. Die meisten Bilder sind unverwechselbare Unikate. Es ist Kunst, die sich nicht kaufen lässt, da sie keinen Markt kennt. Nur ein Blick hinter die Kulissen zeigt, wie diese Kunst entsteht und was sie zu dem macht, was sie ist.

Ergo ist Streetart-Künstler aus Hamburg und wartet schon vor der Roten Flora. Angefangen Wände zu bemalen hat er vor zwölf Jahren. »Ich bin mit Spray-Dosen um die Häuser gezogen und habe planlos Graffitis gemalt. Damals war das noch mehr Schmiererei als Kunst. Irgendwann habe ich dann angefangen Paketaufkleber zu nehmen und kleine Figuren draufzumalen, so kam ich zur Streetart.« Heute beherrscht Ergo die ganze Palette der Straßenkunst: Kacheln, Poster und seine Spezialität – Stencils, Schablonen, die aus drei oder vier Formen bestehen und mit verschiedenen Farben übereinander besprüht werden.

[Quelle: Bildbunt (Flickr)]

Gleich hinter der Roten Flora befindet sich die so genannte »Wall of Fame«, eine der wenigen legalen Orte im Schanzenviertel, wo Graffiti-Künstler ihrer Kreativität freien Lauf lassen können. Hier eröffnet sich einem ein Meer aus Farben, Schriftzügen und surrealen Charakteren. Zwei junge Touristen aus England sind davon offenbar schwer begeistert, da sie ihre Kamera herausholen und ein paar Schnappschüsse schießen. Ergo freut sich sichtlich über die positive Resonanz, denn die gibt es nicht immer.

Ein paar Mal schon musste er die Beine in die Hand nehmen, um vor der Polizei zu flüchten. Verjagt und verscheucht wurde er auch von Anwohnern, als er gerade dabei war, deren Hauswand »zu verschönern«. Es passiert häufig, dass aufwendige Papierposter einfach abgerissen oder Schablonen-Graffitis übermalt werden. Vor allem für die ältere Generation ist Streetart Sachbeschädigung. Der künstlerische Wert und die versteckte Botschaft, die hinter einem solchen Bild steckt, werden oft nicht hinterfragt.

Das Problem ist der öffentliche Raum und die Frage, wie privat dieser sein darf? Wer Kunst im öffentlichen Raum betreibt, tut dies meist illegal.

[Quelle: g-1000 (Flickr)]

»Streetart ist schön, schnell und radikal. Jeder wird zum Teil der Kunst, ob als Zuschauer oder als Künstler«, erzählt Ergo mit breiter Brust. Streetart ist weitaus mehr als das Bemalen von grauen Hauswänden. Sie bezieht Stellung zu politischen und sozialen Problemen und tut dies in einem feinen Akt der Rebellion. Die meisten Schanzenbewohner dulden vielleicht genau deshalb diese Botschaften an ihren Hauswänden.

Der Kunstrundgang führt weiter in die Rosenbergstraße. Hier wird der rebellische Aufschrei künstlerischer Freigeister besonders deutlich. Ergo deutet auf ein Stencil, welches zwei Affen in Anzügen darstellt. Die Worte »Tod der Industrie« stehen groß darüber. Ein paar Schritte weiter das nächste Schablonen-Graffiti. Es zeigt eine Frau, die sich wutentbrannt die Haare rausreißt. Der Satz »Das hat dir der Teufel gesagt!« fliegt aus ihrem offenen Mund. Ergo grinst. »Hier beziehen die Künstler zueinander Stellung. Das ist so eine Art indirekter Kommunikation zwischen uns.«

Die Hamburger Streetart-Szene ist überschaubar. Ergo schätzt, dass sich diese bei zwischen 60 und 80 Leuten bewegt. Darunter gibt es auch größere Gruppen, die auf sich aufmerksam machen. Die »Kupferdiebe« oder »Los Piratos« sind zwei von ihnen.

[Quelle: Bildbunt (Flickr)]

Einen kurzen Fußmarsch später und einige Stockwerke höher in einem Altbau der Schanzenstraße. Hinter einer dicken, abgewetzten Tür befindet sich Ergos Wohnung, die gleichzeitig sein Atelier ist. Es riecht nach verbranntem Toast, Acrylfarbe und Marihuana. Es ist fast unmöglich vom Flur in eines der beiden Zimmer zu gelangen. Zwischen den Wänden sind unzählige Wäscheleinen gespannt, an denen Schablonen hängen. Der Dielenboden ist übersät mit Farbklecksen. Hunderte leere Spray-Dosen versperren den Weg. Nachdem das Unmögliche geschafft und der Flur durchquert ist, erschließt sich das Atelierzimmer als geheimnisvolle Werkstatt des kreativen Seins.

Ergo schmeißt ein altes Mixtape in seinen Ghettoblaster. Bei entspanntem Beat gibt es nun das Highlight des Tages zu sehen. Voller Stolz präsentiert er seine neueste Schöpfung – ein Stencil, das einen erbosten Engel zeigt. In den nächsten Tagen wird er bei Abenddämmerung losziehen und eine passende Wand suchen.

Jeder wird dieses Kunstwerk anschauen können. Es braucht einzig und allein einen wachen Blick.

[Oktober 2009]



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